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Reaktion zu NRW-Minister Stamp : Journalistenverband lehnt stetige Nennung von Täter-Herkunft ab

  • Aktualisiert am

Niemandem, der Hass und Vorurteile als Wesenselemente der gesellschaftlichen Diskussion sieht, würde damit der Boden entzogen – im Gegenteil“, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Bild: dpa

Der Deutsche Journalistenverband wendet sich gegen den Vorschlags des NRW-Integrationsministers Stamp, bei Berichten über Strafverdächtige und Straftäter deren Herkunft immer zu erwähnen. Die Idee sei „absurd“.

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          Der Deutsche Journalisten-Verband lehnt den Vorschlag des NRW-Integrationsministers Joachim Stamp (FDP), bei Berichten über Kriminalität die Herkunft von Strafverdächtigen und Straftätern stets zu nennen, ab.

          Die Nennung der ethnischen Herkunft von Verdächtigen und Straftätern in Medien müsse die Ausnahme bleiben und dürfe nicht zur Regel werden. Sonst knicke der Journalismus vor den Verbreitern von Hate Speech und Rassismus in den sozialen Netzwerken ein, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall: „Niemandem, der Hass und Vorurteile als Wesenselemente der gesellschaftlichen Diskussion sieht, würde damit der Boden entzogen – im Gegenteil.“

          Es sei absurd, die ethnische Herkunft von Straftätern in jedem Fall zu nennen: „Sollen wir Journalisten künftig berichten, dass eine Bayerin beim Ladendiebstahl erwischt wurde und ein Hesse in angetrunkenem Zustand einen schweren Verkehrsunfall verursacht hat? Wer will das denn wirklich wissen?“ Der DJV stehe hinter der Richtlinie 12.1 des Pressekodex. Mehr brauche man nicht, „erst recht nicht von staatlicher Seite“.

          Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) hatte zuvor angeregt, über eine systematische Nennung der Herkunft von mutmaßlichen Tätern in der Berichterstattung nachzudenken. Wenn keine Herkunft genannt werde, spekulierten Internetnutzer schnell in den Kommentarspalten, dass es jemand mit Einwanderungsgeschichte gewesen sei.

          „Das ist ein Problem“, sagte Stamp der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“. „Wenn, dann müsste man die Herkunft eigentlich bei jedem Delikt nennen, auch wenn es dann bizarr wird.“

          Macht einen Vorschlag: NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP).

          Stamp warnte zugleich vor Überreaktionen. Seit der Silvesternacht in Köln 2015/2016 gebe es bei manchen die Wahrnehmung, dass Medien bestimmte Dinge nicht realistisch darstellten. Das habe zum Teil zu einer Überreaktion geführt: „Manche Dinge werden nun gelegentlich dramatisiert.“ Wer sich am schrillsten äußere, werde in der öffentlichen Debatte am stärksten wahrgenommen. „Das ist nicht zukunftsweisend“, betonte der Minister.

          Es gebe aber schon „spezifische Delikte, die von einer bestimmten Tätergruppe aus bestimmten Ländern häufiger begangen werden als andere“, erklärte Stamp. Als Beispiele nannte er Taschendiebstähle an Bahnhöfen. „Das muss man klar benennen, damit das Problem auch behoben werden kann.“ Die Frage, wann in Medien die Herkunft mutmaßlicher Täter genannt werde, regele der Presserat im Pressekodex, unterstrich Stamp. Da mache er keine Vorgaben.

          Der Deutsche Presserat hatte die entsprechende Richtlinie 12.1 im Pressekodex vor zwei Jahren geändert. Sie fordert seitdem statt eines „begründbaren Sachbezugs“ ein „begründetes öffentliches Interesse“ als Voraussetzung dafür, die Herkunft von Tätern oder Verdächtigen zu erwähnen. Die alte Praxis war vor allem im Zuge der Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16 in die Kritik geraten. Laut Presserat soll die Richtlinie Menschen davor schützen, „für das Fehlverhalten einzelner Mitglieder ihrer Gruppe unbegründet öffentlich in Mithaft genommen zu werden.“

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