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Streaming in Frankreich : Disney kontert Kinos aus

Boykottiert Frankreichs Kinos: der Disney-Konzern will Filme in Frankreich lieber gleich auf seinem Streaming-Portal zeigen Bild: AFP

Der transatlantische Kulturkrieg geht weiter: Disney boykottiert Frankreichs Kinos und zeigt seine Filme im Streaming lieber selbst. Auch Blockbuster.

          2 Min.

          Der traditionelle Weihnachtsfilm von Disney sorgt weltweit für volle Kinos und glänzende Augen. In Frankreich wurde er mit großen Hoffnungen erwartet. Diesmal besonders: Das führende europäische Filmland hat in der Pandemie die Hälfte seiner Kinobesucher verloren, nur noch 100 Millionen Eintritte wurden in den vergangenen zwölf Monaten verbucht. Eine Tendenzwende zeichnet sich nicht ab. Für einen Lichtblick sorgte ausgerechnet Disney: Seit Anfang Mai haben drei Millionen „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ gesehen. Doch der neue Film „Strange World“, dessen Premiere weltweit vor Weihnachten stattfindet, kommt nicht in die französischen Kinos. Er wird nur im Fernsehen und auf dem Computer zu sehen sein: bei Disney+. Wie zuvor schon mehrere, weniger spektakuläre Filme.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Diese Entscheidung ist eine Kampfansage an die französischen Kinos und die Pariser Kulturpolitik. Disney rechtfertigt sie ausdrücklich mit den strikten Regeln der „Chronologie des médias“: Wird ein Film in französischen Kinos gezeigt, kommt als Nächstes die Vermarktung als DVD oder Video on Demand. Dann folgt die Ausstrahlung im Bezahl-, schließlich im frei empfangbaren Fernsehen und erst danach auf den Streaming-Plattformen.

          Im vergangenen Januar wurden diese Vorgaben leicht gelockert. Damals war Disney den Verhandlungen, die eher ein Diktat der Filmbranche waren, ferngeblieben. Bis dato betrug die Sperrfrist für Streamingdienste 36 Monate – das sind drei Jahre. Sie wurde auf siebzehn Monate verkürzt. Für Disney ist das immer noch zu lang: ein Jahr soll es sein, mehr nicht. Die Verantwortlichen möchten ihre Filme so schnell zeigen können wie die privaten oder gebührenfinanzierten TV-Sender die Werke, an deren Produktion sie finanziell beteiligt sind. Die französische Filmförderung mit Subventionen, Quoten, Fristen ist komplex. Auch die Tatsache, dass Disney (wie Netflix) zwanzig Prozent der Gewinne in Frankreich investieren muss, sorgt immer wieder für Diskussionen.

          Doch mit der Trotz- und Protestaktion hatte angesichts der hohen Einnahmeverluste, die Disney in Kauf nimmt, niemand gerechnet. Die Branche reagiert heftig und bezichtigt die Amerikaner der „Erpressung“: „Disney bringt das französische Publikum um seinen Weihnachtsfilm.“ Frankreich stützt und verteidigt seine Filmindustrie mit viel Geld und einer Prise Protektionismus. Frankreichs Filmbranche spielt sich in diesem neuesten transatlantischen Konflikt etwas heuchlerisch als Opfer der Konkurrenz zwischen dem Fernsehen und den Plattformen auf. Doch sie hat viel zu verlieren. Die Agenda der Filmvermarktung entspricht nicht mehr den Gewohnheiten der Zuschauer. Man hofft, dass für die wichtigen Wochen zum Jahresende ein Kompromiss möglich wird. Nur nachgeben wird Disney nicht – auch wenn sich ein Weihnachtsgeschenk als äußerst publikumswirksame Geste erweisen würde. „Es ist nicht an Frankreich, den Amerikanern seine Regeln aufzuzwängen“, sagen auch französische Experten. Sie fürchten, dass Disney und in der Folge Warner mit der Vorstellung liebäugeln, ihre Filme vollständig aus den – langfristig nicht nur französischen – Kinos zurückzuziehen.

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