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Digitalkonferenz DLD : Daten sind Erdöl, also wird gebohrt

Rührend geplaudert: Paulo Coelho und Arianna Huffington am Montag auf der DLD Bild: dpa

Auf der Digitalkonferenz DLD in München sind Kritiker der Datensammelwut in der Minderheit. Dafür gibt es Loblieder auf die wirtschaftlichen Möglichkeiten von Big Data. Und Hubert Burda ruft dazwischen.

          Um „Context and Content“, um Inhalt und Zusammenhänge also, geht es seit vergangenem Sonntag auf der Digitalkonferenz Digital Life Design (DLD), die der Burda-Medienkonzern zum zehnten Mal ausrichtet. Seit 2005 treffen sich in München Vertreter von Onlinefirmen, Internetexperten und Investoren, um über die Zukunft des Netzes zu reden. Im Jahr eins nach den Snowden-Enthüllungen aber ist klar: Der Spähskandal ist der Zusammenhang, der jeden Inhalt in ein neues Licht rückt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hatte am ersten Tag der Konferenz, die am Dienstag endet, der neue Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Alexander Dobrindt (CSU), das Thema noch komplett beiseitegelassen und lieber über den Aufbau digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze gesprochen, war „Prism“ spätestens mit dem Auftritt von Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf der Agenda.

          Er forderte das Naheliegende, das doch kaum zu verwirklichen sein wird: volle Transparenz. Unternehmen, aber auch Regierungen und sogar Geheimdienste sollten verpflichtet werden, jeder Person offenzulegen, welche Daten sie von ihr gesammelt haben, was sie mit diesen Daten tun - und die Möglichkeit garantieren, Daten zu löschen.

          Aussicht auf ungeahnte Möglichkeiten

          Selbst wenn der politische Wille dazu da wäre: Gesetzgebungsverfahren brauchen ihre Zeit, räumte auch Rieger ein. Er setzt wie Michael Fertik darauf, dass es einen Markt gibt für Techniken, die Privatheit im Internet ermöglichen. Fertik hat reputation.com gegründet, ein Internetunternehmen, das Menschen hilft, die rufschädigende Inhalte gelöscht sehen wollen. Fertik sagte denn auch, was wirklich Sache ist: „Daten sind das Erdöl unserer Zeit.“ Bisher habe das Internet eben so funktioniert, dass Nutzer kostenlos ihre Daten geben, um Dienstleistungen zu erhalten, dass aber andere mit diesen Daten Geld erwirtschaften. Und er ergänzte, für keinen Amerikaner seien die Enthüllungen Snowdens wirklich überraschend gekommen. Dazu zeigte er ein Bild des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, wie der in einem abhörsicheren Zelt in einem Hotel telefoniert.

          Von nun an pendelte die Konferenz zwischen Einlassungen zu Internet und Privatsphäre und den Ausblicken auf die ungeahnten Möglichkeiten, die Big Data und Cloud-Computing uns eröffnen können. Es ging um Möglichkeiten, mit dem Handy zu bezahlen und Haushaltsgeräte zu vernetzen. Das Auditorium beklatschte Erfolgsstorys wie den Auftritt von Jan Koum, dem Mann hinter „WhatsApp“, der Applikation, die der SMS den Schneid abgekauft hat und Facebook bei den Jungen alt aussehen lässt. 430 Millionen aktive Nutzer zählt sein Unternehmen.

          Oder die Geschichte von Nick D’Aloisio, einem Siebzehnjährigen, der gerade seine Firma für dreißig Millionen Dollar an Yahoo verkauft hat. Er hat ein Programm für das Handy entwickelt, das die wichtigsten acht bis zehn Neuigkeiten des Tages präsentiert - wobei der Jungunternehmer die Antwort auf die Frage schuldig blieb, nach welchen Kriterien sich Wichtigkeit bemesse.

          Das schmallippige Lächeln des Shyam Sankar

          James Whittaker von Microsoft begann seinen Vortrag mit den kernigen Worten: „Ich will über die Zukunft reden, weil die Gegenwart mich ankotzt.“ Nicht der Datensicherheit wegen. Sondern weil er die Jäger- und Sammlermentalität heutiger User, die über Browser Informationen jagen und Applikationen sammeln, ablösen will durch ein Internet, das direkt auf Mails, die Kalenderfunktion und alles andere zugreift. Das spart Zeit und Mühe. Shyam Sankar vom Software-Unternehmen Palantier, dessen bester Kunde die CIA ist, lächelte derweil nur schmallippig auf die Frage, ob er über das Ausmaß der Überwachung durch die Geheimdienste im Netz staune. „Ein kleines bisschen“, sagte er und schwieg anschließend.

          Zwischenrufer Hubert Burda meint, allein mit Qualitätsjournalismus könne heute niemand mehr überleben

          Wirklich interessant wurde es bei der Diskussion um künstliche Intelligenz, um Roboter und Systeme, die in Zukunft mitdenken und mit Menschen interagieren sollen. Werner Vogels von Amazon erklärte, dass die Kaufempfehlungen letztlich nichts anderes seien als sich selbst verbessernde Systeme, die Voraussagen über zukünftige Handlungen von Nutzern träfen. So funktioniert auch Swiftkey, ein Programm, mit dem es sich leichter auf einem Touchscreen tippt, weil es einkalkuliert, wie ungenau Menschen auf dem Bildschirm herumtasten.

          IBM dagegen will mehr, viel mehr. Manoj Saxena, der im Unternehmen für den das Rechnerprojekt Watson verantwortlich ist - den Computer, der erst Schachweltmeister Kasparow schlug und dann eine Game-Show in den Vereinigten Staaten gewann -, sagte, in Zukunft wolle Watson nicht nur spielen. Angeschlossen an die Daten-Cloud soll er neuen Einsatzfeldern dienen: der Krebsdiagnose vor allem, aber auch in Navigationssystemen, für Versicherungen und im Verkauf. Alles werde sich durch Big Data verändern.

          Da wirkte es geradezu rührend, dass die Gründerin der „Huffington Post“, Arianna Huffington, im Gespräch mit dem Bestseller-Autor Paulo Coelho erzählte, sie meditiere in einer technikfreien Umgebung. Das sei besser für die seelische Gesundheit. Da passt es wohl gut ins meditative Bild, dass Hubert Burda auf der Konferenz in einem Zwischenruf die These vertrat, „allein mit Qualitätsjournalismus“ könne „heute niemand mehr überleben“. Die „Huffington Post“, deren Geschäftsmodell darin besteht, für Beiträge nichts zu zahlen, wird in ihrer deutschen Ausgabe bekanntlich in Partnerschaft mit der Burda-Tochter „Tomorrow Focus“ vertrieben.

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