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Digitaler Overkill : Vor uns die Info-Flut

Mae Holland (Emma Watson) wird in der Verfilmung von Dave Eggers’ Bestseller „The Circle“ mit Informationen überschwemmt. Bild: Picture-Alliance

Alles, was an irgendeinem Ort auf der Welt geschieht, vermag auch uns zu erreichen. Wie aber findet in diesem gigantischen Nerven-Gewebe die Information zu uns? Und wer nimmt darauf Einfluss?

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          Ohne Kontext hat das, was man sagt, keine Bedeutung. Das hat der amerikanische Internet-Vordenker Jaron Lanier in seinem Buch mit dem Titel „Zehn Gründe, warum Du Deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst“ geschrieben. Denn genau das ist passiert: Die meisten Menschen nehmen Nachrichten inzwischen außerhalb des Kontexts wahr. 27 Mal in der Stunde wechseln Zwanzigjährige heute das Medium, checken Hunderte Male Mails und andere Nachrichten. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden. So ist heute Wirklichkeit, was der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan in einem prophetischen Aphorismus schon im Jahr 1964 aufgeschrieben hat: Wir sind, „von den Nerven der gesamten Menschheit umgeben. Sie sind nach außen gewandert und bilden eine elektrische Umwelt.“

          Alles, was geschieht, was das Nervenkostüm anderer Menschen an irgendeinem Ort der Welt erreicht, was sie bewegt, verstört, ängstigt, vermag auch uns zu erreichen und zu verstören. Darauf weist der deutsche Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem Buch „Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung“ hin. „Es ist eine Zeit der Empörungskybernetik, in der miteinander verschlungene, sich wechselseitig befeuernde Impulse einen Zustand der Dauerirritation und der großen Gereiztheit erzeugen“, schreibt Pörksen: „Und es vergeht kein Tag ohne Verstörung, keine Stunde ohne Push-Nachrichten, kein Augenblick ohne Aufreger. Man könnte, selbst wenn man wollte, den digitalen Fieberschüben nicht entkommen.“

          Daran ist viel Wahres. Und doch beschreibt Pörksen die Realität nur zu einem Teil. Denn es gibt durchaus noch Qualitätsmedien, die Hunderte Redakteure genau zu diesem Zweck beschäftigen: Den Kontext herzustellen, die Nachricht einzuordnen, alsbald auch zu kommentieren – und dabei zwar ein Auge auf den aktuellen Ereignissen des Tages zu haben, zugleich aber ein anderes darauf, was denn nun wirklich wichtig und wahr ist. Und so sehr auch die Redaktion der F.A.Z. Social-Media-Kanäle nutzt und nutzen muss, um die Reichweite ihrer Art des Journalismus zu erhöhen, so sehr ist das, was die Redaktion tut, auch ein Gegenentwurf zu dem, was Autoren wie Lanier beklagen.

          Ein klarer Blick auf die Ereignisse des Tages

          Denn auf den Social-Media- und vielen anderen Online-Kanälen haben die Leser kaum oder gar nicht den Möglichkeit, den Kontext zu erkennen oder zu beeinflussen, in dem die Äußerungen verstanden werden. „Das Problem ist inzwischen so allgegenwärtig, dass es beinahe unsichtbar geworden ist – wie die Luft, die wir atmen. Wir haben keinen Einfluss mehr auf den Kontext. Social Media schreddert Bedeutung. Was immer du sagst, gewinnt seine Bedeutung durch die Art und Weise, wie Algorithmen, Gruppen von Menschen und Gruppen von Fake People – die ebenfalls Algorithmen sind – sie kontextualisieren und mit den vermengen, was andere Leute sagen“, schreibt Lanier. Dadurch verändere sich, was ausgedrückt werden könne. Denn man müsse extrem werden, wenn man etwas sagen wolle, das in einem unvorhersehbaren Kontext auch nur kurz überleben könne.

          Natürlich hängen auch im Newsroom von FAZ.NET diverse Bildschirme, die anzeigen, für welche Themen sich wie viele Leser wie lange interessieren. Das aber geschieht aus einem einzigen Grund: Es gilt, das Interesse an genau dem Journalismus zu steigern. Das übrigens ist es auch, was Lanier der Gesellschaft der Leser empfiehlt, um den kurzatmigen Aufregungszyklen zu entkommen: „Hoffentlich werden die Menschen direkte Beziehungen zu Anbietern von Nachrichten und anderen Inhalten knüpfen, und noch wünschenswerter wäre, dass sie Abos abschließen“, schreibt er.

          Natürlich verändert sich die Art, wie die Journalisten arbeiten – auch wenn sie den alten Qualitätsmaßstäben verpflichtet bleiben muss. Journalisten verabschieden sich auf diesem Weg von der Idee der asymmetrischen Belehrung; es geschieht daher genau das, was Pörksen in seinem Buch fordert. Diese Idee geht davon aus, dass es Informierte (Journalisten) und Nicht-Informierte (Leser, Zuschauer, Zuhörer) gibt. Der Leser aber hat heute nicht mehr die Rolle des passiven Rezipienten, der versucht, „im Modus einer natürlich erscheinenden Duldungsstarre“ (Pörksen) nachzuvollziehen, was Journalisten meinen, wenn sie von einer ihm unbekannten, fremden Welt berichten.

          Nahbarkeit und Berührbarkeit, echtes, nicht bloß strategisch oder geschäftlich motiviertes Interesse und wirkliches Zuhören, die Bereitschaft zum Perspektivwechsel: Onlinejournalismus kann man anders schon lange nicht mehr betreiben. Denn digital bedeutet nicht, eine Geschichte ins Netz zu stellen. „Die professionelle Expertise des organisierten Journalismus verdankt sich damit nicht mehr allein einem Informations- und Wissensvorsprung, sondern der Kunstfertigkeit, mit der man Kommunikationsprozesse initiiert und schöpferische Dialoge moderiert und kuratiert“, schreibt Pörksen. Lanier wiederum macht eine wichtige Einschränkung: „Feedback ist eine gute Sache, doch wenn Feedback in einer künstlich eingeschränkten Online-Umgebung überbetont wird, führt das zu lächerlichen Ergebnissen.“

          Einer ordentlichen Redaktion geht es genau darum: Die Balance zu wahren, auch im Dialog, um den Lesern den klaren Blick auf die Ereignisse des Tages zu ermöglichen. Das war vor Jahrzehnten nicht anders als heute – nur die Mittel, die dafür zur Verfügung stehen, und die Kanäle, über die die Texte, Videos und Podcasts ausgesendet werden, sind andere geworden. Erreicht wird aber dasselbe: Mit guten Texten kann man mitreden, unaufgeregter, informierter und fundierter als andere.

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