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Digitaler Journalismus : Noch im Dienst der Muttermedien

  • -Aktualisiert am

Digitaler Journalismus: Großes, aber nicht ernst genommenes Potenzial bei der Informationsvermittlung Bild: AP

Der Online-Journalismus steht nach wie vor im Schatten des gedruckten Worts. Parallel dazu hat sich das Digitale im Journalismus stark professionalisiert. Zwei gerade veröffentlichte Studien gehen den damit verbundenen Problemen nach.

          Von Überraschungen kann man nicht sprechen, die Ergebnisse lauten: Das Internet hat den Journalismus stark verändert, und Social Media spielt eine große, aber noch nicht ganz ernstgenommene Rolle. Heute, am 16. Oktober, erschienen zwei Studien zum digitalisierten Journalismus, die im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) entstanden sind. Volker Lilienthal (Universität Hamburg) und Stephan Weichert (Macromedia Hochschule, Hamburg) haben in ihrer Studie „Digitaler Journalismus. Professionalisierung - Partizipation - Automatisierung“ mit einem allgemeineren Blick den „Digitalen Journalismus“ beobachtet. Durch Analyse von Online-Angeboten und Leitfrageninterviews mit Redaktionsleitungen haben sie untersucht, wie sich der „digitale Journalismus“ professionalisiert und durch Publikumsbeteiligung und technische Automatisierung verändert hat.

          Das Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilian-Universität München hat durch Interviews mit Redaktionsleitern hingegen den Dialog „Social Media und Journalismus“ in ihrer gleichnamigen Studie genauer untersucht.

          Der „analoge“ Journalismus, so heben beide Studien hervor, profitiere selbstverständlich von der schwellenlosen Aktualität des Internets und den qualitätssteigernden Effekten der digitalen Werkzeuge. Doch geben 84 Prozent der befragten Journalisten an, dass es ihnen schwerfällt, die Nutzer ihres Online-Angebots als „Mitschreibende“ zu akzeptieren, was exemplarisch für den Stellenwert der angebotenen Online-Möglichkeiten gewertet werden kann.

          Der redaktionelle Aufwand ist durch Social Media gestiegen

          Die Hamburger Studie spricht aber von „Qualitäts-Ermöglichern“: Multimedialität, Darstellungs- und Kombinationsmöglichkeiten, und die Community-Interaktion stellten das größte Potential dar. Zudem könnten die Quellentransparenz und das Crowdsourcing als große Chancen begriffen werden. Der Strukturwandel sei aber immer noch nicht abgeschlossen und ein weiterhin schwieriger Prozess.

          Das zeigt sich auch in der Münchner Studie. Ihr zufolge gaben 71 Prozent der Befragten an, dass der redaktionelle Aufwand durch Social Media erheblich angestiegen sei. 91 Prozent der um Auskunft gebetenen Redaktionsleiter waren dennoch davon überzeugt, dass die Bedeutung von Social Media im professionellen Journalismus noch zunehmen werde. Bezeichnend ist, dass in der Münchner Studie von einer „spezialisierten Minderheit der Redaktionen“ gesprochen wird, die für Social Media zuständig seien.

          Als Aufgabe der gesamten Redaktion gelte der Umgang mit den sozialen Medien nicht. Trotz der immer größer werdenden Online-Präsenz zeigt die Zwischenbilanz der Studie, dass die Ziele und Erfolge der journalistischen Social-Media-Angebote - noch und nur - auf das Internet ausgerichtet seien und nicht auf das „Muttermedium“ selbst. Denn erfolgreich seien die Social Media-Kanäle vor allem, um junge Nutzer nur in Internet zu gewinnen und zu binden. Längerfristig werde es aber darum gehen, aus diesen Gratislesern zahlende Kunden zu machen.

          Die allgemeinen Kompetenzdefizite

          Eine Social-Media-Bewältigungskompetenz erlangen die Zuständigen nach wie vor am häufigsten durch „Learning by doing“ und durch die Beratung von erfahrenen Kollegen. Im Vergleich zu einer Studie von 2010 wird jedoch angegeben, dass Redaktionen die formalisierte Weiterbildung in den letzten vier Jahren häufiger wahrnehmen. Die Gründe dafür scheinen dafür die allgemeinen Kompetenzdefizite in Zeiten der Onlineprofessionalisierung zu sein.

          Am schwierigsten sei etwas, was man vielleicht eine „Corporate Social-Media-Identity“ nennen mag. Es fehle den meisten eine Auftritts-Linie, die die Präsenz in den verschiedenen Bereichen vereinheitlicht. Als Beispiele dafür seien der richtige Ton in der Interaktion mit dem Publikum und das Gespür für Internetpraktikabilität der angebotenen Themen genannt.

          In 55 Prozent der befragten Redaktionen sitzen keine eigenen Social-Media-Redakteure. Wobei rund die Hälfte aller Redaktionsleiter beteuert, nicht genügend Mitarbeiter und dadurch nicht genügend Kapazität aufbringen zu können, die neuen Aufgaben der Social Media zu bewältigen, handle es sich dabei doch um die rein technische Kompetenz.

          Doch auch losgelöst von der Social Media bleibt der Digitale Journalismus eine neue Form mit ambivalenten Auswirkungen. Die gesteigerte Aktualität, die Themenvielfalt, die Meinungspluralität, die Nutzerinteraktion und die daraus entstehenden intensiven Diskussionen zu Themen haben das Grundgerüst des Journalismus verbessert. Doch durch die schnellere Verbreitung von Inhalten leide beispielsweise die Exklusivität der Informationen, die Glaubwürdigkeit und die Themenbehandlung. Und trotz der vielen Qualitätssteigerungen durch das Digitale bleibt der Digitale Journalismus im Schatten des gedruckten Worts.

          Handlungsempfehlungen und Lösungsoptionen

          Zum Fazit werden in der Hamburger Studie sechzehn Handlungsempfehlungen und Lösungsoptionen für die Probleme angeboten, die mit dem Digitalen Journalismus entstehen. Besonders wichtig dabei: Eigene redaktionell-organisatorische Infrastrukturen müssen bewusst geschaffen werden, sodass die Professionalisierung nicht weiterhin wie nebenbei geschehe.

          Ein weiterer zentrale Empfehlung bezieht sich auf die Herangehensweise: Das Verständnis vom „Digitalen Journalismus“ als Begriff müsse sich ändern und als permanent und prozesshaft angesehen werden. Die journalistischen Beiträge können über die Zeit aktualisiert, präzisiert, korrigiert werden und bei entsprechendem Anlass auch weitergeschrieben werden. Diese Flexibilität sollte als entscheidende Qualität des „Digitalen Journalismus“ gesehen werden.

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