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Digitaler Bilderstreit : Der Krieg in der Handfläche

  • -Aktualisiert am

Daumen hoch: Nach seiner spektakulären Landung auf einem Flugzeugträger erklärt Präsident Bush den Irakkrieg am 1. Mai 2003 für beendet. Bild: AP

Teilen oder Nichtteilen? Durch die Verbreitung von Bildern in sozialen Netzwerken werden Zivilpersonen zu Kriegsteilnehmern an der Medienfront. Welche Verantwortung trägt der Internetnutzer?

          Wenn Menschen allein deshalb gefoltert oder getötet würden, um ihren Tod in Bildern festzuhalten, dann mache sich der Betrachter zum Komplizen der Mörder, sagte der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp vor zehn Jahren. Damals ging es um die Bilder aus Abu Ghraib. Etwa zur selben Zeit ging Facebook online, zwei Jahre später folgte Twitter. Die Mitverantwortung des Betrachters am Bild – von ihr war schon lange vor dem Aufkommen der sozialen Medien die Rede. Doch wie ist es jetzt, da die sozialen Netzwerke das mediale Geschehen mitbestimmen und Fotos nicht nur betrachtet, sondern auch favorisiert und im Netz geteilt werden können?

          Der Betrachter wird zum Kriegsteilnehmer an der medialen Front. Jeden Tag kann er sich nicht nur aussuchen, welche Bilder er sich ansieht oder nicht, er kann sie „liken“, teilen oder kommentieren. Der Krieg wandert in die Handfläche. Mit dem Smartphone lässt der Nutzer Krieg und Gewalt in seine Komfortzone, mit dem Daumen entscheidet er über die Verbreitung von Propagandamaterial.

          Nicht nur die reale Front wird immer diffuser, sondern auch die digitale: Sie wird nicht mehr länger nur von Medien abgesteckt, sondern von einzelnen Nutzern. Und die müssen sich entscheiden: Es geht nicht nur darum, ob Fotos geteilt werden, sondern auch darum, welche Bilder es sind, aus welchen Gründen und ob und wie sie kommentiert werden. Besonders deutlich wird das an der Propaganda der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

          Ein Terroranschlag ungekannten Ausmaßes

          Den Enthauptungsvideos des IS begegnen die Internetnutzer sehr unterschiedlich: Einige sprechen sich dafür aus, die Bilder zu verbreiten, um vor dem Terror zu warnen, andere bewerteten das als Mithilfe zur Propaganda. Wieder andere suchen nach einem Ausweg und starten Gegenoffensiven. Etwa mit Bildern und Texten zu den ermordeten Männern, die unter dem Motto stehen: „We should remember him as ...“

          Das Internet vergisst nichts, aber sein Bewusstsein entspricht etwa dem Freudschen Eisberg-Modell: Vieles bleibt verborgen, nur wenige Posts werden zu Trends und erhalten Aufmerksamkeit. Das Internet präsentiert sich dem Nutzer immer in Ausschnitten, schon allein, weil die Fülle der Informationen viel zu groß ist, um sie zu erfassen, aber trotzdem gilt es, Position zu beziehen, auch im digitalen Bilderstreit um das Teilen oder Nichtteilen von Bildern des Terrors.

          „Wo warst du am 11.September?“, fragt eine amerikanische Website noch heute, dreizehn Jahre nachdem die Bilder der brennenden Zwillingstürme die Nachrichten bestimmten – es ist ein wenig so, als habe man zu lange ins Licht geschaut und könne die Umrisse der Twin Towers auch mit geschlossenen Lidern noch sehen. Und jeder weiß, wo er am 11. September war, vor welchem Fernseher er saß und das Geschehen verfolgte. Ein Terroranschlag ungekannten Ausmaßes, live übertragen in die ganze Welt.

          Inszenierung und Schock

          Auch der Vietnamkrieg hatte Tod und Sterben in aller Ausführlichkeit auf den Bildschirm gebracht, er war der erste living-room-war. Als Jahrzehnte später die Bilder der kollabierenden Türme des World Trade Center für Entsetzen sorgten, kehrte der Krieg nicht nur in die Wohnzimmer zurück. Es gab einen entscheidenden Unterschied. Die Anschläge waren so geplant worden, dass sie symbolträchtige und wirkmächtige Bilder produzieren würden.

          Die Regierung von George W. Bush beschloss, Bildern mit Bildern zu begegnen: Der zweite Irak-Krieg mit seinen embedded journalists, den Live-Berichterstattern, wurde zum medialen Großereignis. Dieser Krieg der Bilder war ein Wechselspiel aus Propaganda und Dokumentation, Inszenierung und Schock: Nicht nur gestellte Fotografien, etwa die Landung Bushs auf einem Flugzeugträger, um das Ende der „Kampfhandlungen“ zu verkünden, gingen zu dieser Zeit um die Welt, sondern auch Bilder der Folter in Abu Ghraib.

          Bredekamp hielt das Schweigen in Form von Nichtbetrachtung für die beste Lösung. Doch damals ging es nur um das Betrachten. Heute ist Schweigen in Form von Nichtteilen eher so etwas wie Nichtwählen. Sollte man nicht in die bildliche Opposition gehen, wenn man es kann? Aber kann man es? Lassen sich Propaganda-Posts vielleicht unter gutgelaunten #mademyday-Beiträgen oder Katzenvideos begraben?

          Zwei neue Accounts für einen gesperrten

          Der IS entschied sich dazu, die Katzen lieber gleich für eigene Zwecke zu nutzen. Unter #catsofjihad findet man das Ergebnis bei Twitter: einige Katzen, die von den Kämpfern nebst Waffen im Arm gehalten werden. Mohammed wusch sich einst, Legenden zufolge, vor dem Gebet mit Wasser, aus dem schon Katzen getrunken hatten. Seitdem gelten die Tiere als „halal“, als rein. Medienwirksam sind sie obendrein.

          Die sozialen Netzwerke selbst haben sich inzwischen mehrheitlich für das Nichtteilen von gewaltvollen Propagandainhalten ausgesprochen. Sie löschen Posts und schließen Accounts. Die Bildkonvolute lassen sich indes kaum kontrollieren. Für einen gesperrten Account werden zwei neue eröffnet. Und auch für die Aggressoren selbst sind die Wege des Internets manchmal unberechenbar. Das Video der Enthauptung Steven Sotloffs erschien früher als von den Dschihadisten geplant, durch einen Leak, eine vorzeitige Verbreitung des Materials bei Twitter.

          Umfragen zufolge werden soziale Netzwerke von ihren Nutzern immer stärker zu Informationszwecken herangezogen. Nach und nach wird ihnen eine Bedeutung zuwachsen, die der von CNN oder BBC gleichkommt. Die damit verbundene Verantwortung zu tragen – das ist auch den Nutzern aufgegeben.

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