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Digitale Lehrbücher : Buch beißt Leser

Die Webpräsenz von Coursesmart Bild: Coursesmart

Schon seit einiger Zeit verschiebt sich die universitäre Lehre mehr und mehr ins Netz. Die neuesten elektronischen Lehrbücher erlauben den Dozenten gar, das Leseverhalten ihrer Studenten nachzuvollziehen.

          2 Min.

          CourseSmart aus San Mateo, Kalifornien, ist der weltweit größte Anbieter von digitalen Studientexten. Mehr als zwanzigtausend elektronische Lehrbücher umfasst das Angebot. Die Firma ist ein Gemeinschaftsunternehmen verschiedener großer Verlage, darunter McGraw Hill, Pearson und Wiley. Demnächst bietet sie unter dem Namen CourseSmart Analytics ein Produkt für Hochschullehrer an, das diesen erlaubt, die Lesegewohnheiten ihrer Studenten nachzuvollziehen. An einigen amerikanischen Universitäten, zum Beispiel der Villanova University in Pennsylvania, Texas A&M in San Antonio und dem Rasmussen College in Minnesota, wird es gerade getestet. Sobald ein Student auf ein solches Lehrbuch zugreift, meldet dieses sich bei einem Computer an, der festhält, wie lange der Leser auf welcher Seite verweilte, wie viele elektronische Notizen er sich machte und welche Textstellen elektronisch unterstrichen wurden. Der Lernende wird selbst zum halboffenen Buch, die Lehrenden kommen in die Rolle von Laborforschern im Leseexperiment.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Davon verspricht man sich eine Verbesserung des Lehr- wie des Lernverhaltens. Die Technologie reagiert dabei selbst schon darauf, dass viel Unterricht nur noch virtuell stattfindet und die normalen Möglichkeiten herauszufinden, ob überhaupt gelernt wurde, reduziert sind. Zugleich, so meint das CourseSmart-Vorstandsmitglied Cindy Clarke in einem Gespräch mit der Internetplattform „Education Dive“, seien die aggregierten Informationen für Verleger und Autoren aufschlussreich. Man könne beispielsweise Buchkapitel identifizieren, die nie studiert würden, und sich dann um Verbesserungen bemühen. Die mit dieser Überwachung einhergehenden Datenschutz-Probleme suchen die Universitäten durch freiwillige Teilnahme der Studierenden an solchen Programmen zu lösen. Außerdem gehöre, so notiert die „New York Times“, beobachtet zu werden ohnehin zum Normalgefühl der jugendlichen Nutzer von Facebook und Google.

          Aufmerksam oder hilflos?

          Wie immer ist es aber nicht die Technologie selbst, in der die größten Probleme stecken, es sind vielmehr die Kurzschlüsse, die mit ihrer Nutzung einhergehen: Spielt es denn eine Rolle, ob die Studierenden langsam oder schnell, selten oder oft lesen, sofern sie nur verstanden haben, worum es geht? Wenn man der Teilnahme am Seminar oder an den Prüfungen nicht mehr entnehmen kann, ob sie etwas getan haben, um zu lernen, nützt dann der Nachweis etwas, wie lange das elektronische Buch aufgeschlagen war? Oder, wie es ein Kommentator im Internet schön formulierte: „Haben sie gelesen oder haben sie nur die Worte gesehen?“ Das dürfte nach wie vor nur in der Interaktion mit den Studenten herauszufinden sein.

          Tatsächlich mag der Kursleiter den Daten entnehmen, ob es einen Zusammenhang zwischen Lesen und Lernerfolg gibt. Doch schon bei einer überschaubaren Zahl an Teilnehmern dürften solche Analysen, die dann zur Seminarvorbereitung hinzukommen, recht kompliziert werden. Wenn das Buch schnell gelesen wird, dann weil es flüssig und eingängig geschrieben ist oder weil der Student unzufrieden weiterblätterte? Und ist, wer viel unterstreicht, aufmerksam oder hilflos? Man kennt Leute, die fast alles unterstreichen. Was ist mit der Intelligenz derjenigen Studentin, die herausgefunden hat, welche Lektüre sie sich sparen kann? Kommt sie in einen Topf mit dem Faulenzer? Und selbst wenn das Buch gern gelesen wird, ist das nur eine Variante von möglichem Lernerfolg.

          Denn Lehrbücher sind nicht unter allen Umständen dazu da, den Studenten das zu geben, was sie wollen, sondern das, was sie brauchen. Was also wird evaluiert, wenn das Leseverhalten beurteilt wird - der Leser oder Buch? Es dürfte eigener Kurse bedürfen, um sich in Methoden einzuarbeiten, die es allenfalls erlauben, solche Fragen zu beantworten. Vermutlich bereiten die Verleger auch dafür schon Materialien vor.

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