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Digitale Empörung : Vorbild Amerika

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Auch die Obamas waren bereits in der Sesamstraße. Das erste Opfer von Mitt Romneys Präsidentschaft soll deshalb der gelbe Vogel „Big Bird“ sein. Bild: AP

Hierzulande denkt man über die richtige Online-Strategie für Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und die perfekte Kommunikation an und für sich nach. Die Amerikaner aber zeigen uns, wie digitale Aufklärung funktioniert.

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          Ab und an entdeckt Peer Steinbrück noch den Arbeiter in sich. Zum Beispiel, als er gefragt wurde, warum er so wenig im Internet präsent sei. Darauf konterte er: „Der Stahlkocher von Krupp in Duisburg ist eben nicht in der Lage, sich an Liquid Democracy zu beteiligen.“ Selbstbestimmung kann sich eben nicht jeder leisten, insofern hat Steinbrück ja irgendwie Recht.

          Vielleicht ist sogar das Sympahtischste an Peer Steinbrück, dass er nicht jeden Quatsch mitmacht, den ihm „Social-Media-Experten“ im ARD Nachtmagazin anrieten, als sie einmal einen Blick auf sein Facebook-Profil geworfen hatten: Es gäbe da noch zu wenig Interaktion, zu wenig Kommentare, zu wenig „Likes“ und „Shares“. Für die einen ist Steinbrück deshalb nur ein „Offline-Kandidat“. Andere meinen, es spreche für ihn, dass er nicht auf einmal anfängt, panisch um sich zu twittern, nur weil er Kanzlerkandidat ist.

          Während man hierzulande also wieder darüber redet, welche Kanäle für wen „authentisch“ seien, was richtige Kommunikation an und für sich überhaupt ist, sind uns die Amerikaner wieder einmal einen Schritt voraus und zeigen, wie die digitalen Erregungsbeschleuniger doch noch für ein wenig inhaltliche Erdung sorgen können. So geschehen beim ersten TV-Duell: Während die Offline-Menschen noch darüber reden, dass Romney klar punkten konnte, dass es Obama nicht gelang, die kritischen Punkte des Millionärs zur Sprache zu bringen, weiß nun jeder bei Twitter, was für ein kaltherziger Mensch Romney wirklich ist.

          „Wir sind alle Erdlinge“

          Es war nur ein Satz, der reichte, um für ein digitales Beben zu sorgen: Ja, er möge zwar Big Bird – den zotteligen gelben Vogel aus der Sesamstraße, die im staatlich unterstützten Sender PBS läuft, hierzulande als Bibo bekannt – sagte Romney, „aber ich werde kein Geld in Dinge investieren, für die ich mir von China Geld leihen müsste.“ Warum China zwar gut genug ist, amerikanische Technikgadgets zu Bedingungen zusammenzuschweißen, die dem Stahlkocher in Bochum menschenverachtend vorkommen müssen, nicht aber, um sich Geld zu leihen, das führte Romney zwar nicht aus.

          Aber dieser eine Satz reichte, damit in der Folge 27.000 Tweets in der Minute mit den Schlagwörtern „Big Bird“ oder „PBS“ versendet wurden. Die Tweets gingen während der Debatte in die Millionen. Aber „Big Bird“ hielt sich lange genug, um zu fragen, was Mitt Romney eigentlich gegen die Sesamstraße im Allgemeinen hat, und gegen Big Bird im Speziellen. Die Antworten waren in einigen Blogs schnell gefunden: Nicht nur, dass in der Sesamstraße gelegentlich „liberale“ Menschen wie Ralph Nader und Bürgerrechtler Jesse Jackson zu Gast gewesen sind. Manchmal singt dieser zerrupfte gelbe Big-Bird mit seinen Sesamstraßen-Wesen Lieder wie „Wir sind alle Erdlinge“ und beschwört die Gleichheit und Einheit der Natur mit den Lebewesen. Eine Horror-Vorstellung für einen reichen Republikaner. Aber dass er soweit geht, Big Bird und seine Crew bei Amtsantritt sofort auf die Straße zu setzen, das hätte man dann doch nicht gedacht. Obama hat soviel Aufklärungsarbeit an diesem Abend jedenfalls nicht leisten können.

          Unterdessen munkelt man, dass in der SPD-Zentrale bereits an einer Social-Media-Strategie für Peer Steinbrück gearbeitet wird. Egal, was sie sich dort ausdenken, der Großverdiener der SPD sollte sich in Acht nehmen. Denn die Tweets der Solidarität schwappten längst über den Atlantik: „We are all Big Bird now.“

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