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„Digitale Dissidenten“ im WDR : Der Blonde mit dem Stein im Schuh

Whistleblower wie Edward Snowden führen uns vor Augen, dass die Geheimdienste alles und alle überwachen. Bild: WDR/Gebrüder Beetz Filmprodukti

Die Geheimdienste überwachen alle und alles. Whistleblower führen uns das vor Augen. Doch was folgt daraus für Freiheit und Sicherheit?

          3 Min.

          Wie entkommt man dem Geheimdienst? Man braucht eine vollständige Verkleidung und – einen Stein im Schuh. Denn der verändert aus naheliegenden Gründen den Gang. Als Julian Assange am 19. Juni 2012 die ecuadorianische Botschaft in London betrat, hatte er einen Stein im Schuh. Er kam an seinen Beschattern vorbei. Entkommen ist er ihnen nicht. Denn seit diesem Tag sitzt er in London ebenso fest wie Edward Snowden in Moskau. Und damit haben die amerikanische Regierung und der Nachrichtendienst NSA sie genau da, wo sie die Whistleblower haben wollen. Nur in einer Zelle, einer Todeszelle gar, wären sie in den Augen ihrer Häscher wohl an einem noch richtigeren Ort.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Snowden und Assange zählen zu den „digitalen Dissidenten“, von denen heute Abend in der gleichnamigen Dokumentation von Cyril Tuschi die Rede ist. Ihr Vorvater ist Daniel Ellsberg, der 1971 mit den in der „New York Times“ veröffentlichten „Pentagon Papers“ aufdeckte, wie die Regierung Nixon die amerikanische Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg desinformierte. Thomas Drake, ein Mitarbeiter der NSA, tat es Ellsberg gleich, als er die „Baltimore Sun“ 2005 über Missmanagement und Verschwendung beim Geheimdienst informierte. Ans Licht kam eines der großen Programme, mit denen die NSA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die weltweite Kommunikation zu überwachen trachtete: das Projekt „Trailblazer“. Annie Machon wiederum, einstige Agentin des britischen MI5, verließ den Geheimdienst und tauchte unter, als ihr Kollege und Partner David Shayler Informationen über illegale Überwachungsmaßnahmen, die sich gegen Regierungsmitglieder und Journalisten richteten, der „Mail on Sunday“ zugespielt hatte (und sich dies angeblich mit vierzigtausend Pfund bezahlen ließ). Machon hatte Shayler unterstützt. William Binney schließlich bekleidete sogar einen Direktorenposten bei der NSA. Er kündigte, als er gewahr wurde, welche Lehre die Geheimdienste aus den Attentaten von Al Qaida zogen: „Feel Safe“, sagt Binneys Exkollege Drake, sei das Mantra gewesen, die Amerikaner sollten sich wieder sicher fühlen können. Und diese Sicherheit konnte es nur durch totale Überwachung geben.

          Freiheit durch Sicherheit

          Freiheit gibt es nur durch Sicherheit, sagen Vertreter der Geheimdienste und Regierungen. Diese Sicherheit zerstört die Freiheit, sagen die Whistleblower. Das ist ihr gemeinsamer Nenner, deshalb werden sie von Bürgerrechtsgruppen unterstützt und für Helden gehalten. Doch von diesem Begriff hält Daniel Ellsberg, der wie ein Elder Statesman des Whistleblowing auftritt, nichts. Es brauche keine „Superhelden“, nur Leute mit Überzeugungen und Rückgrat wie Edward Snowden, der gezeigt habe, dass die gegenwärtig praktizierte Überwachung die Demokratie zerstöre. William Binney, den 2007 daheim ein Rollkommando des FBI überfiel, klingt wie Rambo, wenn er sagt, er habe nicht erdulden, sondern angreifen wollen: „Ich gegen meine Regierung.“

          Szene aus „Digitale Dissidenten“: Gibt es Freiheit nur durch Sicherheit?
          Szene aus „Digitale Dissidenten“: Gibt es Freiheit nur durch Sicherheit? : Bild: WDR/Gebrüder Beetz Filmprodukti

          Das ist die eine Seite, für die andere spricht im Film von Cyril Tuschi, der den zweiten Teil des großen „Überwachungsabends“ im WDR-Fernsehen darstellt, allein der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer. Er skizziert die Linie einer die Güter abwägenden Realpolitik, die Geheimdienste so weit als möglich kontrollieren, aber nicht aus dem Blick verlieren will, dass die Erkenntnisse der Dienste Terrorakte verhindern helfen. Bei Tuschi steht er damit auf verlorenem Posten, etwa wie diejenigen, die zurzeit versuchen, die Zusammenarbeit zwischen dem BND und der NSA zu retten, und nicht vergessen haben, dass die Anschläge vom 11. September von einer Terrorzelle in Hamburg geplant wurden.

          Facebook ist „der feuchte Traum eines jeden Spions“

          Leider differenziert Tuschi nicht zwischen den Zeugen der Anklage. Um sie halbwegs einordnen zu können, muss man ihre Vorgeschichte kennen, besonders die von Julian Assange, der nicht in eine Reihe mit Snowden und den anderen gehört: Er kippt Datenmassen ohne Rücksicht auf Verluste aus, zuletzt mit den sogenannten „Sony Leaks“, deshalb haben ihn die Medien, die zunächst mit ihm gemeinsame Enthüllungssache machten, inzwischen verlassen. Seinen Verein Wikileaks, der nur um ihn kreist, führt Assange wie eine Sekte, er gleicht immer mehr denen, die er seine Gegner nennt, den Leuten vom Geheimdienst.

          Und schließlich macht es sich der WDR-Film zu einfach, wenn er am Ende die NSA mit der Stasi und westliche Regierungen mit totalitären Regimes kurzschließt. Da sehen wir den Whistleblower Thomas Drake beim Besuch des früheren Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen, wie er von seinen Gefühlen überwältigt wird. Alles hier erinnert ihn an sein eigenes Schicksal, er ist froh, nicht in einem dunklen Loch wie diesem verreckt zu sein. Aus ihm spricht die Bitterkeit eines Bürgers, der zum Staatsfeind erklärt wurde. Doch unterscheidet diesen wirklich gar nichts mehr von denen, in deren Obhut Edward Snowden und Julian Assange geflüchtet sind? Zum Glück vergisst Cyril Tuschi nicht zu erwähnen, dass die meisten Menschen ihre Daten, ihr digitales Ich, das in der Tat vor staatlichem Zugriff geschützt werden muss, den großen Digitalkonzernen ganz freiwillig ausliefern. „Facebook ist böse“, sagt die Exagentin Annie Machon, „der feuchte Traum eines jeden Spions.“ Es wird neue Whistleblower brauchen, um diesen Traum platzen zu lassen.

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