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Digitale Bibliotheken : Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus

  • -Aktualisiert am

Nie mehr in Büchern blättern: Google will Schrifstücke digitalisieren Bild: F.A.Z./Dieter Rüchel

Googles konzentrierter Digitalisierungsangriff hat begonnen. Mit der jüngsten Einigung sind amerikanische Autoren und Verleger zufrieden, die deutschen jammern noch, wissen aber auch keine Alternative. Was aber sagen die Bibliotheken?

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          Es ist nicht so, als hätte man uns je betrogen. Das besorgen wir schon selbst. Weiß doch bereits Faust: „Nein, nein! der Teufel ist ein Egoist / Und tut nicht leicht um Gottes willen, / Was einem andern nützlich ist.“ Und dennoch geht er „Schlag auf Schlag!“ den Pakt ein, wohl auch, weil dieser ebenbürtige Geist etwas noch viel Ärgeres ist: ein Monopolist. Das wilde Wissen gibt es nur bei ihm. Dazu noch ist er teuflisch charmant. Man kennt den Schluss, der keiner ist.

          Und dann klopft es eines Tages erneut an die Tür. Das Pudeltier tappst wieder herein, virtuell in diesem Fall. „Hinter den Ofen gebannt, / Schwillt es wie ein Elefant“. Etwas sympathisch Ungestümes hat es an sich, dieses so junge Unternehmen. Drei Monate nach der bahnbrechenden Einigung mit amerikanischen Autoren- und Verlegerverbänden am 28. Oktober 2008 juchzt Google auf seiner Website noch immer. Aus den Klägern macht man „voller Freude“ (und das klingt ehrlich) „Branchenpartner“. Eng wollen die Suchmaschinisten mit ihnen zusammenarbeiten, „um noch mehr Bücher dieser Welt online verfügbar zu machen“. Das utopisch Vermessene steckt in der Wendung „dieser Welt“, welche Google erneut zu erobern ausgezogen ist - und wie wohl niemand zuvor in der Geschichte über alle Kulturen, Sprachen und Religionen hinweg tatsächlich in den Griff zu bekommen scheint.

          Rührend: Die VG Wort reitet in die Arena ein

          In den Vereinigten Staaten hat das Informationsimperium trotz bisheriger Rechtsunsicherheit schon sieben Millionen Bücher digitalisiert. Davon sind sechs Millionen Bücher urheberrechtlich geschützt und nur auszugsweise online einsehbar, von diesen jedoch befinden sich fünf Millionen nicht mehr im Druck. Die erzielte Einigung (www.googlebooksettlement.com/agreement.html) bezieht sich vor allem auf diese letzte Gruppe, die nun - gegen Gebühr - besser zugänglich werden soll. Drei preislich gestaffelte Lizenztypen sind geplant: eine Privatanwenderlizenz, eine Institutionslizenz sowie eine „Public-access“-Lizenz für Bibliotheken, in denen die Werke dem Publikum zugänglich gemacht werden (zunächst, so die Vereinbarung, auf einem einzigen Terminal pro Bibliothek und mit Extragebühren bei Ausdruck): Ein Drittel der Gebühren fällt an Google, zwei Drittel über die neu zu schaffende „Book Rights Registry“ an die Rechteinhaber. Ein Buchautor soll sechzig Dollar erhalten. Am 5. Mai wird ein New Yorker Gericht über den Schlichtungsantrag entscheiden.

          Die deutschen Verbände, angeführt von der Verwertungsgesellschaft Wort, wehren sich lautstark gegen diese Vereinbarung (Buchsuche im Netz). Einige vom deutschen Urheberrecht geschützte Bücher wurden nämlich einfach mitdigitalisiert. Anstößig scheint der hiesigen Branche vor allem, dass amerikanisches Recht für deutsche Bucherzeugnisse gelten soll: So können Rechteinhaber beispielsweise nur nachträglich verfügen, dass ihre Werke nicht aufgenommen werden. Auch die neue Registratur behagt Christian Sprang, dem Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, nicht. Worauf man stattdessen hinauswill - ob ein Verbot der Nutzung durch Google oder nur deutlich bessere Bedingungen als die amerikanischen Kollegen -, bleibt unklar. Dass man die rüstige Verwertungsgesellschaft, die sonst mit drei Sorten Zetteln umgeht, vorschickt, um nach entsprechender Änderung ihres Auftrags in Amerika eine Klage durchzufechten, scheint indes so rührend wie sinnlos. Die gesamte Musikindustrie hatte keine Chance gegen die Softmoderne - und nun reitet die VG Wort in die Arena ein? Stattdessen sollte man sich lieber schnell Gedanken darüber machen, wie man mit der ohnehin nicht aufzuhaltenden Digitalisierung in Deutschland umgeht.

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