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Früherer ARD-Programmdirektor : Preußisch, höflich, hintergründig

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Dietrich Schwarzkopf arbeitete schon trimedial, als im Fernsehen noch keine drei Sender liefen. Jetzt wird der Journalist und Vordenker 90.

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          Auf der Suche nach den historischen Wurzeln der ARD hat er viele Parallelen zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation entdeckt: Die Wahl des Vorsitzenden durch seine Standesgenossen, die übrigen Intendanten, erinnert an die Wahl des Kaisers durch die Kurfürsten. Auch bei der Schwäche der Zentralgewalt, dem Proporzprinzip der Programmzulieferungen und dem mobilen Sitzungswesen zeigen sich Übereinstimmungen.

          Für Geschichte hat sich Dietrich Schwarzkopf schon als Schüler brennend interessiert. Geboren am 4. April 1927 in Stolp (Pommern), landete er kurz vor dem Ende des Krieges als Volontär im Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin. Nach einem Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaft in Minnesota und neben einem Jura-Studium arbeitete er als Redakteur beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Er profilierte sich hier als politischer Berichterstatter und Kommentator, so dass das Blatt ihn 1955 als Korrespondenten in die Bundeshauptstadt Bonn schickte. Als eines der jüngsten Mitglieder von Adenauers Teerunde gehörte er dort zu den sprichwörtlich gut informierten Kreisen.

          Argumentieren, nicht bloß appellieren

          Trimedialen Journalismus – was heute als allerneueste Innovation bejubelt wird – gab es schon vor mehr als einem halben Jahrhundert: Neben der Korrespondententätigkeit für den „Tagesspiegel“ arbeitete Schwarzkopf auch für Rundfunkanstalten. 1962 wechselte er zum Deutschlandfunk, dessen Bonner Büro er dann vier Jahre leitete. Während dieser Zeit war er auch gelegentlich im Fernsehen präsent. Am 30. Juni 1964 sprach er den ersten Kommentar in der Spätausgabe der „Tagesschau“. Bei dieser Premiere ging es um den Austausch von Atominformationen zwischen den Vereinigten Staaten und deren Nato-Verbündeten. Wenn man das Typoskript heute nachliest, merkt man gleich, dass dies ein argumentativer Kommentar war – kein appellativer, wie sie heute Konjunktur haben.

          Das Jahr 1966 brachte einen erneuten Medienwechsel und diesmal auch einen Ortswechsel: Schwarzkopf wurde zunächst zum Fernsehprogrammdirektor und später zum stellvertretenden Intendanten des NDR in Hamburg berufen. In einem biographischen Interview hat er sich besonders an die politischen Kontroversen um das Magazin „Panorama“ und eine damals „starke Neigung zum Erziehungsfernsehen“ erinnert. Und er hat gestanden, dass er „Dallas“ nach Deutschland importiert hat.

          Aufklärerisch und konservativ

          Diese Berufsbiographie ist auch weiterhin von Mobilität geprägt: Im Juli 1978 tritt er in München eine neue Stelle als Programmdirektor Deutsches Fernsehen an. In dieser Funktion koordiniert er vierzehn Jahre lang das Erste Programm und kann dabei seine großen diplomatischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die neue Konkurrenz der Privatsender ist eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten. Die notwendige Balance „Zwischen Anspruch und Akzeptanz“ (so der Titel eines Sammelbandes von Schwarzkopf) ist dabei weitgehend gelungen. Schon im Ruhestandsalter folgte dann noch eine vierjährige Nachspielzeit als Vizepräsident des neu gegründeten deutsch-französischen Kulturkanals Arte.

          Mit vielen Aufsätzen und Ansprachen ist Dietrich Schwarzkopf einer der wichtigsten Vordenker des öffentlichen Rundfunks geworden. Als Autor ist er immer noch aktiv. Sein Stil ist sachlich und nüchtern, aber grundiert von einer wunderbaren Ironiekompetenz. Gern sieht er die Welt von den Rändern her: Seine Beiträge für das „Jahrbuch für Marginalistik“ – etwa über die Rechtsnatur der Strandburg und über den Zwergenweitwurf – sind ein Geheimtipp unter Kennern. Der aufgeklärte Konservative, ein Mann von alteuropäischer Bildung und mit preußischer Disziplin, höflich, hintergründig und voller Humor, kann heute den neunzigsten Geburtstag feiern.

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