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Bericht aus dem Shitstorm : Wir leben im digitalen Mittelalter

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Was ich lesen musste, war zum großen Teil unerfreulich, schon weil sich die Menge der Zustimmenden nie so lautstark äußert wie ein Haufen von Empörten. Ich wurde sogar in die Nähe von Rechtsradikalen gerückt, ein völlig irrsinniger Vorwurf. Ist man jetzt Nazi, wenn man eine Meinung gegenüber Griechenland vertritt, die beispielsweise auch Sozialdemokraten ganz selbstverständlich vertreten, nämlich dass internationale Verträge eingehalten werden müssen und dass sie nicht im Nachhinein, auch nicht durch einseitige demokratische Abstimmung, gebrochen werden dürfen? Was für ein Irrsinn!

Der Andere wird abgestempelt

Ich habe einen ähnlichen Vorgang ja bereits im Zusammenhang mit meinen religionskritischen Äußerungen erlebt. Dort wurde ich zum islamophoben Ausländerfeind abgestempelt, auch das ein völlig irrsinniger Vorwurf! Ich habe Iran, den Libanon, Jordanien, den Jemen, Ägypten, Mali, Sudan, Indonesien und andere islamische Länder bereist. Ich vertrete ausschließlich weltoffene Positionen und trete nur dann gegen religiöse Einflussnahme ein, wenn ich Grundrechte bei uns bedroht sehe, zum Beispiel die Meinungs- oder die sexuelle Freiheit. Das Eintreten gegen islamistischen Fundamentalismus und Terrorismus halte ich nicht für islamophob, ich halte es für eine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Eintreten gegen eine zutiefst unterdrückerische Ideologie.

Der Vorwurf der Islamophobie war ein gutes Beispiel dafür, wie im Internet taktisch vorgegangen wird. Der Shitstorm ist der Versuch, eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden, um stattdessen durch Überwältigung und Etikettierung des Andersmeinenden den Sieg im digitalen Vernichtungskampf davonzutragen. Der andere wird nicht mit Argumenten überzeugt, sondern abgestempelt. Ich wurde in die Nähe von AfD und Pegida gerückt, obwohl ich mich immer wieder ausdrücklich gegen diese Gruppierungen gewandt habe.

Hexenverbrennung des 21.Jahrhunderts

Immer wieder habe ich darauf hingewiesen, dass Kritik an religiös motivierter Intoleranz keine Angelegenheit der Rechten ist, sondern im Gegenteil ein Anliegen der Linken und der bürgerlichen Mitte sein sollte. Das wurde in weiten Kreisen ignoriert, weil es der primitiven Etikettierung im Wege stand. Ziel des Ganzen war die moralische Diskreditierung meiner Person, des Andersdenkenden. Das ist indessen die übliche Form der Auseinandersetzung im Netz.

Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten. Der Andersmeinende wird zunächst als wahlweise „dumm“ oder „böse“ dargestellt. Er ist also das, was man im Mittelalter als „wahnsinnig“ oder „vom Teufel“ bezeichnete, damals wie heute ein Tötungsgrund, nur eben heute virtuell, ein erheblicher Fortschritt, sicherlich....Der Delinquent wird zur digitalen Vernichtung freigegeben. Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21.Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, „nur“ sozial, nicht physisch vernichtend.

Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde

Dieser Vorgang wiederholt sich im Internet in immer schnellerer Frequenz. Es geht hier schon lange nicht mehr um Meinungsfreiheit. Es geht um Meinungshoheit. In den seltensten Fällen kommt es zum Austausch von Argumenten. Die Regel ist, dass die Vernichtung der abweichenden Meinung angestrebt wird, meist durch Überwältigung, Etikettierung, Beleidigung. Das Internet, vor allem die „sozialen Netzwerke“, sind insofern zum mittelalterlichen Marktplatz verkommen. Die Orte, an denen die Scheiterhaufen lodern, heißen Facebook und Twitter.

Der Zivilisation fehlt in der Anonymität des Virtuellen ihre wichtigste Grundlage: die Haftbarkeit des Einzelnen. Die Erfindung des Individuums als haftbare, sein eigenes Handeln verantwortende Person war die Voraussetzung für die Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer großen Errungenschaften: Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde. Die anonymen Massenaufläufe im Internet entheben den Einzelnen aus der bürgerlichen Verantwortlichkeit.

Die pöbelnde Masse tritt heute wieder selbstbewusst als Handelnder auf. Die Anonymität des Internets bedeutet insofern einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung. Es ist die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte, unter den Akteuren im Internet eine Kultur der Aufklärung zu schaffen, um die digitale Welt in ein bürgerliches Zeitalter zu überführen.

Dieter Nuhr ist Kabarettist, Autor und Moderator. Im August geht er mit seinem neuen Programm „Nur Nuhr“ auf Tournee.

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