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Dieter Nuhr im Gespräch : Facebook ist ein Medium für Wutgestörte

Lacht auch gerne selbst über platte Witze: Comedian Dieter Nuhr Bild: dpa

Worüber lachen die Amerikaner? Woran leiden die Deutschen? Dieter Nuhr macht ein Programm für Netflix und erklärt, was er sich dabei gedacht hat.

          6 Min.

          Wie kommt es, dass Sie mit Netflix zusammenarbeiten?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist immer das Schlimme mit mir, ich habe dazu nie eine große Geschichte. Ich bin gefragt worden und habe es gemacht. Es stellt sich konstant die Frage: Wo will man eigentlich hin? Was kann sich noch ändern? Zudem verändert sich die Fernsehlandschaft. Ich merke das bei mir selbst, ich sehe kaum noch fern. Im Zweifel knipse ich mein Streamingportal an und rufe eine Serie ab. Ich warte nicht mehr auf den Dienstagabend, 22.45 Uhr.

          Ist es für Humoristen und Kabarettisten wichtig, sich einmal auf der anderen Seite des Atlantiks auszuprobieren? So wie das Michael Mittermeier und andere Ihrer Kollegen gemacht haben?

          Für mich ist das gar kein so großes Thema. Ich finde es zwar toll, dass es gewissermaßen international wird, aber ich würde das nicht überbewerten. Ich glaube nicht, dass wir gleich Millionen Klicks in Amerika bekommen. Auch dadurch, dass das Programm nicht in Englisch ist. Aber natürlich ist Amerika für einen deutschen Komiker in etwa das, was für einen hiesigen Fußballer die spanische Liga ist. Der Ehrgeiz, das zu wollen, ist irgendwie da.

          Worüber lacht denn „der“ Amerikaner?

          Das weiß ich nicht. Ich war zwar da, behaupte aber nicht, „den Amerikaner“ kennengelernt zu haben. Der Amerikaner sagt „Nice to meet you“, und danach unterhält man sich über das Wetter. Es ist gar nicht meine Aufgabe darüber nachzudenken, wie die das so finden. Da lass ich mich einfach überraschen. Ich kann nicht eigens ein Programm für den amerikanischen Markt schreiben. Ich glaube, dass es in Amerika etwas gibt, das dem, was ich auf der Bühne mache, sehr entgegenkommt, weil die Amerikaner nicht so stark unterscheiden zwischen Ernst und Witz, zwischen Tiefgang und Plattitüde. Ich habe gerne beides im Programm. Ich finde die richtig platten Witze auch schön, weil ich selbst darüber lachen muss.

          Würden Sie sich als Menschenkenner bezeichnen?

          Darüber selbst zu urteilen ist immer peinlich. Aber ich würde schon von mir behaupten, dass ich einen unvoreingenommenen Blick auf Menschen habe. Ich suche immer nach der zweiten Ebene, wenn Menschen etwas tun. Und ich glaube, dass man alles, was gesellschaftlich und politisch läuft, nur psychologisch erklären kann. Allein, weil ich in meinem Leben außer den rechten, schon allen Ideologien aufgesessen bin. Als Jugendlicher dachte ich, ich könne mich über linksradikale Ideologien definieren. Heute glaube ich, dass das alles nichts fruchtet. Dass man den Menschen nur individualpsychologisch erklären kann und die Gesellschaft auch. Also, ja, ich glaube, dass ich einen Blick dafür habe, wie Menschen ticken oder was in ihnen gerade wirkt.

          Auch wenn Sie den Menschen lieber Individualpsychologisch erklären wollen, woran leidet denn der Deutsche an sich?

          Das war selten so disparat wie heute. Wenn ich ein paar Dinge benennen müsste, dann: überzogene Zukunftsangst, überzogene Ansprüche an das Leben, was Sicherheit angeht. Der Deutsche würde am liebsten morgen den Tod abschaffen. Der Deutsche sagt: Es soll alles so bleiben, wie es ist, aber muss sich gleichzeitig auch alles ändern, weil alles furchtbar ist, so wie es ist. Seltsame Mischung.

          Zuschauer betonen gerne die Klugheit Ihres Programms, um sie damit gleichzeitig an sich selbst zu diagnostizieren.

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