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Dieter Hildebrandt : Jetzt erstmal achtzig

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Von jetzt an achtzig: Dieter Hildebrandt bei der Verleihung des Grimme-Preises, 2004 Bild: picture-alliance / dpa

Die Selbstgefälligkeit des offene Türen einrennenden Polit-Satirikers war ihm nicht fremd. Doch anders als vielen seiner Kollegen verzieh man ihm wegen seines feinnervigen Vortrags auch voraussehbare Pointen. Edo Reents über Deutschlands dienstältesten Kabarettisten.

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          Dass es das Kabarett gerade bei denen schwer hat, die eigentlich auf seiner Seite stehen müssten - den (wirklich) Kritischen -, liegt vermutlich auch an seiner Selbstgefälligkeit. Aber es ist auch ein historisches Problem: In Jahrzehnten ist das Aufspießen des Lächerlichen, das Aufmucken gegen das Falsche und Böse auf betuliche Weise zum Klischee geronnen, ein Geschäft, das irgendwie dazugehört, aber niemanden stört. Undenkbar, dass ein Politiker heute noch Angst vor einem Kabarettisten hat.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist kein Zufall, dass beispielsweise der „Scheibenwischer“ nur noch dann zu brillieren weiß, wenn Matthias Richling seine Stilimitationen vorträgt und ansonsten, wenn Bruno Jonas und Richard Rogler ihre knallhart politisch gemeinten Pointen vom Stapel lassen, doch ziemlich anödet.

          Er war aber nicht wirkungslos

          So gesehen, hat der Gründer nicht nur dieses Formats richtig gehandelt, als er sich, mürbe gemacht wohl auch vom Verdruss mit dem ersten Programm, davon zurückzog. Und es ist gewiss auch richtig, dass Dieter Hildebrandt das Bundesverdienstkreuz, das immer mal wieder bedrohlich in seine Nähe kommt, ablehnt - es wäre die nachträgliche Bescheinigung seiner Wirkungslosigkeit. Er war aber nicht wirkungslos. Dieter Hildebrandt ist, nach Hüschs Tod, der dienstälteste deutsche Kabarettist; als solcher allerdings auch mitverantwortlich für eine gewisse Selbstzufriedenheit des linksliberalen Milieus, das er bedient und über das der „Titanic“-Kolumnist Max Goldt einen bedenkenswerten Aufsatz geschrieben hat.

          Er musste immer lachen: Hildebrandt mit Werner Schneyder in „Sonny Boys”

          Doch Hildebrandts feinnverviger Vortrag, das kunstvolle Stottern und die aufmerksamkeitssteigernden Pausen, dazu sein beachtlicher Wortwitz ließen das Einrennen offener Türen, auf das es das Kabarett meistens abgesehen hat, verzeihlicher erscheinen als bei manchem anderen. Freilich konnte auch er sich auf ein grundsätzliches Einverständnis mit dem Publikum verlassen, das dann nur noch selten erarbeitet werden musste - eine zwangsläufige, intellektuell gefährliche Folge der Errungenschaften, für die er einst stand.

          Richtig subversiv oder boshaft war freilich auch die Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“, deren Programm er zu großen Teilen schrieb, nicht. Doch was heute als political correctness verächtlich gemacht wird, war in der übersichtlichen, eher biederen Öffentlichkeit von einst geradezu originell. Mochte auch Hildebrandt das, was Politiker sagten, ernst nehmen - sein Gemütszustand war meistens ein anderer: „Ich musste immer lachen“, lautet sein Lebensmotto. Ein anderes: „Nie wieder achtzig.“ Für ein Jahr, das an diesem Mittwoch beginnt, wird er sich's gefallen lassen müssen.

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