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Dieter Hallervorden wird 80 : Mal sehen, was in dem ganzen Theater noch drin ist

„Das Leben“, sagt Dieter Hallervorden, sei doch vergleichbar mit einem Bühnenstück: „Es kommt nicht darauf an, wie lange es dauert, sondern, wie interessant es ist.“ Bild: DERDEHMEL/Urbschat

Seit Jahrzehnten spielt Dieter Hallervorden auf der Bühne, im Kino und im Fernsehen. Sein Gesicht kennt jeder, doch was wissen wir über den Mann, der viel mehr als Komödie kann? An diesem Samstag wird er achtzig Jahre alt. Eine Begegnung.

          Das Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es herrscht andächtige Erwartung. Die beiden Künstler, die sich im ersten Aufzug über ihren eingebildeten Schüler lustig machen, der für die Fächer Musik, Tanz, Fechten und Philosophie Privatlehrer angestellt hat, geben bloß das Vorspiel auf diesem Theater. Wann kommt er endlich, dieser Monsieur Jourdain, „Der Bürger als Edelmann“, um sich streng nach Molière lächerlich zu machen? Es dauert nicht lange, und die Anspannung im Publikum löst sich. Er ist da, der Hauptdarsteller, gewandet - wie die anderen - in ein historisches Kostüm, das wie ein umgearbeiteter Brokat-Vorhang aussieht. Dieter Hallervorden betritt die Bühne.

          Dieter Hallervorden als Monsieur Jourdain
          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wem jetzt gleich „Palim, palim“, eine Flasche Pommes frites oder die Kuh Elsa einfallen, der hat nicht unrecht, aber die Rechnung ohne diesen Schauspieler gemacht und seine letzten Filme im Fernsehen und vor allem im Kino nicht gesehen. Nicht „Das Mädchen und der Tod“, nicht „Sein letztes Rennen“ und nicht „Honig im Kopf“. Das Publikum im Theater kennt die Filme offenbar. Es kennt aber auch die legendäre Sketch-Parade „Nonstop Nonsens“ und erwartet Pointen. Die kommen, aber nicht nur und nicht in dem Takt und nur ab und an mit der Brachialität, die Dieter Hallervorden an den Tag legte, als er noch „Didi“ war.

          Didi, das ist die durchgedrehte Figur aus den siebziger und achtziger Jahren, die von einem Fettnapf zum nächsten sprang und die viele für Dieter Hallervordens Doppelgänger halten, die er aber als „eine Art Halbbruder“ versteht. In dessen Rolle, erzählt Hallervorden nach der Vorstellung, habe er es „genossen, wieder Kind zu sein“. Doch es gab auch ganz handfeste Gründe für diese Figur. Sie brachte „endlich etwas Futter ins Portemonnaie“, half einen großen Kredit abzubezahlen und das brachliegende Berliner Schlosspark- Theater wieder aufzumachen. 1,7 Millionen Euro eigenes Geld hat Hallervorden in das Haus gesteckt. Er wollte, wie er sagt, „eine kulturelle Institution wieder zum Leben erwecken, die unabhängig von meiner Person für Berlin erhalten bleibt“.

          Hier hatte er als Schauspielschüler alle Berliner Größen der Zunft spielen sehen. So wurde er zum Intendanten und ein zweites Mal zum Gründer. 1960 hob er das Kabarett „Die Wühlmäuse“ aus der Taufe, 2008 machte das Schlosspark-Theater wieder auf. „Gebäude, die für das Publikum geschaffen sind, machen geschlossen keinen Sinn“, sagt Hallervorden. Ganz einfach. Und Didi? „Ich habe nie behauptet, ihn bis ans Lebensende spielen zu wollen. Wäre ich mit den Mitteln eines Didi in ,Sein letztes Rennen‘ angetreten, hätte man den Film in die Tonne treten können.“

          „Sein letztes Rennen“ war der Wendepunkt, die Zielgerade, die Hallervorden ersehnte, aber mit deren Erreichen er nicht unbedingt rechnen durfte. Der Regisseur Kilian Riedhof, von dem wir bald einen Film über die Barschel-Affäre sehen werden, gab Hallervorden die Chance, zu zeigen, was er kann. Kein Geblödel, nirgends. Stattdessen die Charakterstudie eines alten Mannes, der um sein Leben rennt. Der nicht im Altersheim vegetieren will, sondern nach vorne schaut. Das, sagt Hallervorden, sei der „Glücksfall“ überhaupt gewesen, weil der Mann, den er spiele, ihm zu hundert Prozent entspreche: „Man muss mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen.“

          Sehen, wie viel noch drin ist

          Das sagt Hallervorden mit einem gesetzten Pathos, das die Anstrengung verrät, die er hinter sich hat. Das kann bitter klingen, wenn bei irgendeiner Gelegenheit erwartet wird, dass er, kaum da, sofort irgendwelche Faxen macht. Aber das kann auch behutsam rüberkommen.

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