https://www.faz.net/-gqz-9mqdz

Hallervorden-Film im ZDF : Wohnung mit Aussicht

  • -Aktualisiert am

Da blickt er skeptisch: Dieter Hallervorden als älterer Herr, der unversehens neue Untermieter bekommt. Bild: ZDF und Conny Klein

In dem Film „Mein Freund, das Ekel“ sollte Dieter Hallervorden als grantelnder Alter, dem eine junge Familie die Bude einrennt, eine Paraderolle haben, denkt man. Doch so einfach ist das nicht.

          Vor anderthalb Wochen gelang der Krimireihe „Nord Nord Mord“ ein Coup: Sie erzählte von einer Toten in einem Strandkorb auf Sylt, verdächtig war ein verwirrter Senior. Die Kommissare begegneten in einem Altenheim zwei Männern, die den Verdächtigen mit allen Mitteln vor dem drohenden Gefängnis zu bewahren versuchten. Und da stand er plötzlich als einer der Freunde: der mittlerweile 83 Jahre alte Dieter Hallervorden. Hallervorden spielte groß auf und zog das ganze Ensemble mit. „Sievers und die Tote im Strandkorb“ wurde ein wunderbar leichter, spielerisch zwischen warmherzigen und drolligen Passagen hin und her wechselnder Film.

          Von Marco Petrys Rührstück „Mein Freund, das Ekel“, in dem Hallervorden heute ebenfalls zu sehen ist, kann man das nur streckenweise behaupten. Hallervorden, der einst mit der Slapstick-Reihe „Nonstop Nonsense“ bekannt wurde, seine schauspielerischen Qualitäten aber als Marathon-Läufer in „Sein letztes Rennen“ (2013) und Alzheimer-Kranker in „Honig im Kopf“ (2014) unter Beweis stellte, spielt hier einen grantigen alten Lehrer, den nichts stärker anwidert als das bildungsferne Gehampel einer alleinerziehenden Mutter, die bei ihm wohnt – und die er selbstverständlich trotzdem in sein Herz zu schließen beginnt.

          Die Begegnung mit der aufgekratzten Trixie Kuntze (Alwara Höfels) verdankt Olaf Hintz seiner Schwester. Seit dem Schlaganfall, durch den das Laufen beinahe unmöglich wurde, hat sich Elfie (Ursula Monn) um Olaf gekümmert und ihm nachmittags den Kirschkuchen besorgt, ohne den der Kreislauf nicht mehr auf Touren kommt. Nun ist es genug: Frisch verliebt, plant die Schwester für sich eine mehrmonatige Kreuzfahrt, und damit ihr Bruder trotzdem über die Runden kommt, bucht sie über das Online-Portal „Solidario“ eine Haushälterin, der nach dem Motto „Wohnen für Hilfe“ statt Bezahlung Wohnraum versprochen wird: in Olafs Wohnung.

          Sie fremdeln mit ihren Figuren

          Kurz darauf steht Trixie auf der Matte: eine aufgekratzte Kellnerin, die finanziell kaum über die Runden kommt. Zum Entsetzen von Olaf, der am liebsten das Türschloss austauschen würde, spricht sie furchtbar naiv. Im Schlepp hat sie drei Kinder, die sie offensichtlich drei verschiedenen Männern verdankt – den jugendlichen Murat (Julius Gabriel Göze), der an der Gesamtschule mit den falschen Typen abhängt, die etwas jüngere Afia (Latisha Kohrs), die noch nie neue Turnschuhe bekam, und der kleinen Sean (Lior Kudrjawizki), der seinem Handybildschirm so nah ist, dass er darin zu verschwinden droht.

          Dank ihnen wird die geräumige Altbauwohnung von Olaf, die er sich bislang nur mit seinen Büchern, seinem Flügel und seiner Schwester teilen musste, unerwarteter Dinge zur Mehrgenerationen-WG. Er braucht Hilfe, sie brauchen Hilfe. Und uns schwant: Der übellaunige Studienrat wird sich der Nöte der Familie annehmen und also verwandeln. Nach der Sendung schlägt dann vermutlich irgendein verzweifelter Sozi die Zwangseinquartierung junger Mieterhöhungsopfer bei Senioren mit unnötig großen Appartements vor.

          Was man nicht ahnt: Dieter Hallervorden und Alwara Höfels fremdeln mit ihren Figuren. Hallervordens Griesgram wirkt anfangs wie eine Rolle, in die Hallervorden eines Sketchs wegen schlüpft. Man freut sich darüber, wie lustig er mit dem Elektrorollstuhl herumdüst, und er freut sich am meisten. Aber man kauft ihm den Misanthropen nicht ab. Auch Höfels ist erst recht spät bei sich; in der ersten Filmhälfte trägt sie als „Tschö-mit-Ö“-Trixie zu dick auf. Das biedere Drehbuch macht es beiden nicht leichter. Wenn man es trotzdem schauen mag, dann aus alter Verbundenheit mit Hallervorden und der Lust, zum Sprudel medium noch etwas Familienfernsehen zu schauen. Ein Abend wie neulich, beim Krimi, in dem „das tröpfelnde Trio“ Dieter Hallervorden, Rolf Becker und Dietrich Hollinderbäumer die ewige Freundschaft feierte, wird aber nicht draus.

          Weitere Themen

          Das Recht kann am Ende nicht alles regeln

          FAZ Plus Artikel: Sterbehilfe : Das Recht kann am Ende nicht alles regeln

          Vom Umgang mit dem Leben im Angesicht des Todes: In drei aktuellen Entscheidungen hat sich der Bundesgerichtshofs mit der Sterbehilfe befasst. Doch eine zufriedenstellende Lösung für vielfältige und teilweise widersprüchliche Konfliktlagen fällt weiterhin schwer.

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          Kritik an AKK : „Eine Zumutung für die Truppe“

          Aus der Opposition gibt es heftige Kritik an der Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin. Kanzlerin und Union würden die „gebeutelte Bundeswehr“ für Personalspielchen missbrauchen, beklagt die FDP.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.