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Youtube zahlt : Melodien für Millionen

„Ein erster Schritt in die richtige Richtung“: Dieter Gorny – hier bei einer Preisverleihung 2013 Bild: Picture-Alliance

Youtube hat sich mit der Gema geeinigt, Rechteinhaber zu bezahlen – das hat Signalwirkung. Ein Gespräch mit Dieter Gorny, dem Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes Musikindustrie.

          3 Min.

          Die Gema und Youtube haben sich über eine Abgabe für Musikvideos geeinigt. Youtube zahlt freiwillig etwas. Vorher wurde lange vor Gericht gestritten. Was bedeutet das jetzt?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist ein langes Verfahren, das durch zwei Instanzen gepeitscht wurde. Deshalb hat diese Einigung natürlich Signalwirkung, als ein erster Schritt in die richtige Richtung.

          Hat sich angedeutet, dass ein Vertrag, wie er gestern in Kraft trat, zwischen der Gema und Youtube zustande käme?

          Ich kann hier nicht für die Gema sprechen, aber so richtig erwartet hat das wohl niemand. Es war eine ziemliche Überraschung. Denn bisher überwog der Eindruck, dass in diesem Streit Bedingungen auf den Tisch kommen, die nicht darauf schließen lassen, dass man sich überhaupt einigen will. Youtube hat bis dato immer darauf gepocht, lediglich eine neutrale Plattform und somit nicht für die hochgeladenen Inhalte verantwortlich zu sein. Jetzt zeigt sich, dass sich offenbar am Selbstverständnis von Youtube als Plattform – das sich ja zuletzt sogar durch die Gerichte bestätigt sah – etwas geändert hat.

          Und das wäre?

          Im Laufe der Entwicklung von Plattformen, denn solche Vorgänge im Netz sind immer ein Prozess, merken wir, dass das eben nicht nur der neutrale Umschlagplatz für Katzenvideos ist, sondern, dass dort auch wertvolle Kulturprodukte distribuiert werden. Und damit hat das Ganze natürlich sukzessive auch etwas mit Verantwortlichkeiten zu tun.

          Warum passiert das ausgerechnet jetzt?

          Ich kann nur vermuten und hoffen, dass diese Einigung Teil eines weitaus größeren Vorgangs ist. Wenn Sie das alles von oben betrachten, werden Sie feststellen, dass die Debatte um – im weitesten Sinne – Verantwortlichkeit und Regulierung im Netz immer stärker wird. Dabei geht es nicht nur um Urheberschaft sondern auch um den Ton im Netz, siehe „Hatespeech“ und dergleichen.

          Diese Debatte ist nicht so neu.

          Trotzdem ist man stärker bereit, über Leitplanken zu diskutieren. Man kommt allmählich über diese euphorische Phase hinweg, in der das Netz eine neue, bessere und demokratischere Welt versprach. Jetzt merken wir, es gibt doch nur diese eine Welt, daran kann auch dieses Medium nichts ändern.

          In letzter Konsequenz war die Gesellschaft oft außen vor. Sprich: Man musste jede neue Lizenzvereinbarung und AGB-Änderungen der Internetkonzerne hinnehmen, wenn man dabei sein wollte. Ist Google plötzlich einsichtig?

          Es wäre klug. Was würden Sie tun, wenn Sie Google wären und sich die Anzeichen, dass sich der Wind dreht, mehren? Sie können das aussitzen oder sagen, jetzt gehe ich einen Schritt nach vorn, dann wird es vielleicht weniger schlimm, als wenn ich mich gar nicht bewege. Diese Einigung ist nur ein kleiner Partikel in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte, die nicht nur diesen Konzern, sondern auch andere große Internetplayer betrifft. Da ist es vielleicht sinnvoll, die Bereitschaft zu zeigen, dass man sich arrangiert. Doch das kann eben nur der erste Schritt sein. Man sollte vielleicht auch wissen, dass der Krach mit der Gema immer etwas damit zu tun hatte, dass sich Organisationen anderer europäischer Länder auf Pauschaldeals eingelassen haben. Dagegen hat sich die Gema stets gewehrt, indem sie gesagt hat, wir wollen pro Klick bezahlt werden. Ich gehe davon aus, dass man sich auch in diesem speziellen Fall einvernehmlich darüber verständigt hat.

          Dürfen die Künstler ansehnliche Ausschüttungen von Youtobe erwarten?

          Die Summen sind für die Künstler wichtig, aber hier geht es auch um die Signalwirkung für die gesamte Branche. Plötzlich sagt Youtube, das immer von sich behauptet hat, es sei nur neutrale Plattform, na gut, wir machen einen Deal. Im besten Fall spüren die, dass das Netz und seine Plattformen als Akteur mit Sonderprivilegien jenseits unserer rechtlichen Strukturen so nicht mehr aufrechtzuerhalten ist.

          Konzerne wie Google und Facebook sind vor allem gut darin, ihren Interessen den Anstrich von Weltverbesserung zu geben, während eigentlich nur weitere Märkte erschlossen werden sollen.

          In diesem Fall könnte es ein ernstgemeinter Schritt sein. Weil man vielleicht auch glaubt, dass man damit anderen Entwicklungen zuvorkommt.

          Dafür möchte man natürlich wissen, wie die Verteilungsmechanismen nun genau funktionieren, wie das Geld zum Urheber kommt.

          Wenn Sie per Mausklick bezahlt würden, ist das Prinzip simpel: Sie sehen, wie oft das Video aufgerufen wurde und können den Urheber dann entsprechend entlohnen.

          Jetzt hat man eine freiwillige Einigung. Der Gema-Justitiar Tobias Holzmüller beklagt, dass es rechtlich damit noch lange nicht anerkannt sei. Somit sind die Zahlungen quasi eine freiwillige Dreingabe. Hat das Folgen?

          Also, wenn man den Symbolwert der Einigung richtig deutet und ihn annimmt, um die Debatte und eventuelle Konsequenzen daraus zu forcieren, dann dürfte die rechtliche Anerkennung in diesem Fall zweitrangig sein.

          Was muss denn jetzt darüber hinaus passieren?

          Andere Länder müssen sich dem Modell anschließen können, und auch die Musikwirtschaft muss mit ihren Ansprüchen aus Leistungsschutzrechten ins Boot genommen werden. Der Anspruch der Urheber ist einer von vielen Ansprüchen, die noch zu erheben sind. Man muss es als Präzedenzfall behandeln.

          Aber lassen sich denn die unzähligen Gema-pflichtigen Angebote auf Youtube überhaupt korrekt zuordnen?

          Technisch ist das kein Problem. Es war schon länger möglich, Youtube auf Inhalte hinzuweisen, an denen man die Rechte hat und diese zu entfernen. Darüber hinaus ist es auch langfristig möglich, diese Inhalte, so sie abermals hochgeladen werden, wiederholt zu erkennen und zu löschen. Daher lassen sich Urheber und Stück einwandfrei zuordnen.

          Youtube bietet in einigen Ländern schon kostenpflichtige Subcriber-Dienste an. Ist man gegebenenfalls nur bereit Geld reinzustecken, um langfristig wesentlich mehr Geld herauszuholen?

          Ja, es geht in der digitalen Ökonomie zunehmend nicht mehr nur um Traffic, sondern um Exklusivität, um die Frage, wer hat was. Das spürt man sicher auch bei Youtube.

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