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Serie „Westworld“ : Ein Aufstand junger Roboter

  • -Aktualisiert am

Das Spiel in „Westworld“ beginnt von vorn, und diesmal werden die Karten ganz neu gemischt: Evan Rachel Wood und James Marsden reiten aus. Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

Die Serie „Westworld“ geht in die zweite Runde. In der ersten Staffel mussten Maschinen Menschen dienen, in der zweiten kehren die Machtverhältnisse sich radikal um.

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          „Niemand hat die Kontrolle“: Der Entsetzensschrei von Lee Sizemore (Simon Quartermain), dem ebenso selbstverliebten wie sadistischen Intendanten des Vergnügungsparks „Westworld“, bringt es auf den Punkt. Der schlimmste aller denkbaren Fälle ist eingetreten. Es geht drunter und drüber – Willkommen zurück in „Westworld“, der Serie, die im amerikanischen Fernsehen gerade Maßstäbe setzt. Das vollbringt sie nicht nur wegen der hohen Schauwerte, für die HBO abermals keine Kosten scheute. Neben dem Film-Original von 1973 stehen in Sachen Bildgebung „The Matrix“, „Game of Thrones“ und „Lost“ Pate. Die verschachtelte Erzählung ragt heraus. Wer beim Finale der Staffel noch den Überblick behielt, dem kann man nur gratulieren.

          Ein kurzer Rückblick: Die „Hosts“ – Roboter in einem Park von der Größe eines Bundesstaates, in dem menschliche Besucher in einer von menschenähnlichen Robotern besiedelten Western-Fantasiewelt sämtliche Hemmungen fallen lassen können – haben geschafft, was ihre Konstrukteure für unmöglich hielten. Sie haben Bewusstsein erlangt. Sie haben ein Gedächtnis und moralisches Empfinden. Nun sinnen sie auf Rache für die Erniedrigungen, die ihnen Parkbesucher, angeblich ohne Konsequenzen, wieder und wieder antun durften. Staffel eins endete mit einem Massaker bei einer Galaveranstaltung des Park-Masterminds Robert Ford (Anthony Hopkins) für den Vorstand des Betreiber-Konzerns Delos.

          Nicht erst seit die Vorstandschefin Charlotte Hale (Tessa Thompson) beschwor, es sei „alles unter Kontrolle“, deutete sich an, dass das Gegenteil der Fall ist. Aber der Clou des Finales war, dass auch der Kontrollverlust womöglich bloß die halbe Wahrheit ist. Jetzt sind die Besucher und der Vorstand auf der Flucht quer durch den Park, während die Hosts sich gegen die anreitenden Aufräum-Truppen aus der echten Welt zusammenschließen – was gar nicht so einfach ist mit einer Belegschaft programmierter Kreaturen. Und man weiß auch nicht mehr genau, wer Mensch und wer Maschine ist.

          Wer gegen wen? In „Westworld“ weiß man nicht so genau, mit wem man es zu tun hat.

          Geschaffen haben dieses vielschichtige Werk Lisa Joy und Jonathan Nolan. Ihre Geschichte greift über die Androiden-Dystopien von „Terminator“ oder dem Originalfilm mit Yul Brynner weit hinaus. Hier geht die Bedrohung nicht von der vermeintlich gefühllosen Maschine, sondern von den Menschen aus. „Wir haben uns viel mit zeitgenössischen Denkern beschäftigt“, sagte Jonathan Nolan bei einem Pressegespräch in Los Angeles. „Julian Jaynes, Douglas Hofstadter, Leute, die an der Schnittstelle zwischen der Kreation künstlicher Intelligenz und dem Nachdenken über menschliche Erkenntnis stehen.“ Besonders interessant findet Nolan, wie wenig das menschliche Bewusstsein noch immer verstanden werde. „Und doch haben wir begonnen, mit der Schaffung künstlicher Intelligenz einen Weg zu beschreiten, den wir nicht absehen – ebenso wenig, wie wir uns selbst erfassen.“

          Wer in „Westworld“ Mensch und wer Maschine ist, bleibt auch zu Beginn der zweiten Staffel zumindest vorübergehend ein Rätsel. Dass dies in einer Rückblende geschieht, kann als unheimlicher Ausblick auf das gewertet werden, was noch kommt. Dass künstliche Intelligenz ihren Zenit erreicht habe, wenn man einen Roboter nicht länger von einem Menschen unterscheiden kann, glaubt Lisa Joy Nolan nicht. Sie meint, da wäre noch mehr drin: „Warum sollten sie sich auf das beschränken, was wir sind? Für mich ist da alles möglich.“ So ist der dramatische Wandel einiger Figuren in der zweiten Staffel womöglich nur ein erster Schritt. „Westworld“ greift auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht weit aus und folgt dem Zeitgeist. Nach einer Staffel voller männlicher Figuren an den Schalthebeln, führen die Frauen die Revolution nun an – allen voran eine blonde Unschuld.

          Die liebenswerte Farmerstochter Dolores, die das Racheschwert schwingt, war in der ersten Staffel fortwährend den Übergriffen eines Mannes ausgesetzt, der ein enger Vertrauter ist. Die Schauspielerin Evan Rachel Wood, die diese Dolores darstellt, gab kürzlich vor dem amerikanischen Kongress ihre eigenen Erfahrungen mit häuslichem Missbrauch und Vergewaltigung zu Protokoll, um für eine schärfere Gesetzgebung im Sinne der Opfer sexueller Gewalt einzutreten. Sie trug dabei nach eigenen Worten ein Amulett mit dem Bild ihrer „Westworld“-Figur. „Sie symbolisiert vieles für mich“, sagte Evan Rachel Wood in Los Angeles. „Wenn ich Selbstzweifel habe oder meine Kraft in Frage stelle, sage ich mir: Du bist Dolores. Du hast das durchgemacht. Du hast das in dir. Vergiss das nicht.“ Eine Dolores zu spielen, die nicht länger nur Gutes in der Welt sieht, sondern das Dunkle erkennt, habe indes weniger Spaß gemacht als erwartet. „Ja, es war kathartisch. Aber es war schwer.“

          Die Überschrift der zweiten Staffel von „Westworld“ lautet „Die Tür“. Die Protagonisten dringen in das Zentrum des Labyrinths vor, die Zentrale dieser echten Welt mit künstlichen Wesen, der die menschenähnlich geformten Roboter entspringen. Von hier geht das Chaos aus, das der heimliche Herrscher von „Westworld“, Robert Ford, mit großer Gelassenheit verfolgt. Auf den schon in der ersten Serienstaffel gefassten Plan des Vorstands, ihn zu entmachten und aus dem Konzern zu drängen, reagiert er beunruhigend lässig, Warum, das wird sich zeigen: Weil er den Dingen teuflisch weit voraus ist.

          Die zweite Staffel von Westworld beginnt am Montag um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic. Sie ist in der Nacht zuvor schon über Sky Ticket, Sky Go und Sky on Demand abrufbar.

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