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„Die zwei Päpste“ bei Netflix : Spirituelle Hörhilfe dringend gesucht

Für den Argentinier ist Fußball verpflichtend: Papst Franziskus (Jonathan Pryce, li.) und sein Amtsvorgänger Benedikt XVI. (Anthony Hopkins) beim Fernsehabend Bild: Netflix

Der Rücktritt als lange geplanter Schachzug: Netflix zeigt „Die zwei Päpste“ von Anthony McCarten – wie Papst Benedikt mit der Hilfe Gottes seinen Nachfolger entdeckte.

          3 Min.

          Hat Gott einen Plan? Und wenn ja, ist dann der Papst der erste Ausführende dieses Plans? Mit Joseph Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI. das Ungheuerliche tat und zurücktrat, hat der neuseeländische Autor Anthony McCarten zumindest eine Figur ausgemacht, der er eine solche Agenda zutraut. Im Kern läuft seine These darauf hinaus, dass Benedikt XVI. die Rücktrittsgesuche des argentinischen Kardinals Jorge Mario Bergoglio deshalb nicht angenommen habe, weil er ihn bereits beim Konklave 2005 als kommenden Oberhirten der katholischen Kirche erkannte und durch seinen Rücktritt den Weg für ihn frei machte.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Ratzinger gegen Bergoglio, ein Match, das Quote verspricht. McCarten, der für die nun bei Netflix zu sehende Verfilmung seines erzählenden Sachbuchs „Die zwei Päpste“ das Drehbuch geschrieben hat, verzichtet im Film auf die biographische Parallelführung der beiden extrem unterschiedlichen Männer: Beide haben Erfahrungen mit totalitären Regimes. Aber das Herumreiten auf Ratzingers zwangsweiser Mitgliedschaft in der Hitler-Jugend hat schon im Buch nicht überzeugt (F.A.Z. vom 23.November). Der Film konzentriert sich also in langen Rückblenden auf das Leben Bergoglios. Um die Mär vom Revoluzzer im Vatikan zu beatmen, zeigt der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles Papst Franziskus bei dem Versuch, allein einen Flug nach Lampedusa zu buchen. Die Mitarbeiterin des Reisebüros Skytours – einer von vielen kleinen Gags – legt entnervt auf, weil sie glaubt, Opfer eines Telefonstreichs zu sein. Dann geht es direkt ins Konklave des Jahres 2005, die Kardinäle Ratzinger und Bergoglio treffen sich auf der Toilette, der Argentinier pfeift „Dancing Queen“.

          Das Drücken eines Kugelschreibers hallt wie Donner

          Mit diesem Abba-Song als Untermalung zieht das Kardinalskollegium in die Sixtinische Kapelle ein; der Schlüssel wird umgedreht, der erste Wahlgang beginnt. Selbst das Drücken eines Kugelschreibers hallt wie ein Donner, schnelle Schnitte zwischen Innenwelt und der Menschenmenge auf dem Petersplatz, Fernsehreporter, der Kamin, aus dem endlich weißer Rauch quillt. Immer wieder fixiert die Kamera das Gesicht des aussichtsreichsten Kandidaten. Anthony Hopkins ist ein so grandioser Schauspieler, dass er den Film allein mit seiner Mimik trägt, ergänzt durch ständiges Betupfen der Lippen mit einem Taschentuch und dem Ächzen beim Aufstehen, weil die Pulsuhr piepend mahnt, die Bewegung nicht einzustellen.

          2012, es die Zeit des Vatileaks-Skandals, beordert Benedikt den argentinischen Kardinal nach Rom, just als der sein Rücktrittsgesuch einreichen will. Benedikt weiß, dass Bergoglio so ziemlich in jeder Hinsicht das Gegenteil von ihm lebt, verkörpert, denkt, glaubt. Und so läuft die Begegnung in Castel Gandolfo zunächst gar nicht gut für den Argentinier, den der Papst als seinen schärfsten Kritiker identifiziert hat. Messerscharf nimmt ihn der deutsche Papst auseinander, bis der so verzweifelt wie vergeblich mit seinem Rücktrittsgesuch wedelnde Bergoglio seinen Mut zusammennimmt und trittsicherer wird. Es geht in diesen langen Dialogen weniger um sein Blechkreuz und die abgetragenen Schuhe, es geht um grundsätzliche Fragen: Wie hältst du es mit dem Glauben? Wie muss die Kirche künftig gesteuert werden? Der Papst entlässt den Besucher mit der ungnädigen Frage, ob er überhaupt noch Priester sein wolle. Und die Grillen zirpen sehr laut.

          Der Typ Priester, der Frauenherzen höherschlagen lässt

          Jonathan Pryce als Jorge Mario Bergoglio gewinnt nun zunehmend an Statur, und mit jeder Minute, mit der sich dieses Kammerspiel zweier alter Männer entfaltet, wird es zu einer Erzählung zweier Gesichter. Und eines dritten: Juan Minujín – Typ Priester, der die Herzen der Frauen höherschlagen lässt – spielt den jungen Bergoglio, der gerade seinen Plan, Priester zu werden, zugunsten einer jungen Frau aufgeben will. Als er bei einem unbekannten Priester die Beichte ablegt, erkennt er jedoch in dessen Worten die Stimme Gottes und gibt seiner Angebeteten den Laufpass. In Schwarzweißbildern wendet sie sich mit stummem Entsetzen ab von ihrem Galan, der Tango und Fußball liebt und Gott noch mehr als sie. Von den Jahren der Diktatur erzählt der Film, in denen der Jesuit Bergoglio Schuld auf sich lud, weil er mit dem System zu verhandeln versuchte und dadurch zwei seiner Brüder nicht vor der Folter bewahrte. Nach dem Ende der Junta wird er von seinem Orden zwangsversetzt ins Hinterland, wo er sich in einen Priester des Volkes verwandelt. Dergestalt geläutert, macht er alsbald wieder Karriere und steigt zum Kardinal in Buenos Aires auf.

          Der päpstliche Stratege lotst den Argentinier in der leeren Sixtinischen Kapelle in die Geheimnisfalle: Er offenbart ihm seinen Rücktrittsplan und bietet ihm unter der Hand die Papstwürde an. Ein ziemlicher Kuhhandel, und zur Krönung essen die beiden Pizza Diavolo in der Sakristei. Könnte es so gewesen sein? Der Film suggeriert – noch stärker als das Buch –, dass es Gott selbst ist, der die Fäden in dieser Geschichte zieht. Wann immer seine Stimme ins Spiel kommt, wird es ernst. Und wer sie, wie Benedikt Bergoglio beichtet, nicht mehr hört, hat ein existentielles Problem.

          Mit dem Konklave 2013, in dem Ratzingers vorgeblicher Plan aufging, hätte der Film zu Ende sein können, stattdessen folgen noch siebzehn Minuten bunt gemixter Abspann, die in einen Fernsehabend münden, der die beiden Päpste beim Fußball-WM-Finale 2014 Argentinien gegen Deutschland beim gemeinsamen Fernsehen zeigt – auf der Couch vereint mit Chips und Bier. Franziskus trinkt aus der Flasche, der emeritierte Papst aus dem Glas. Da wird es dann albern. Im Vorspann weist sich „Die zwei Päpste“ als „inspiriert von wahren Geschehnissen“ aus. Damit wird immerhin deutlich, wie tief man hier im Reich der Fiktion gefischt hat – das allerdings im routinierten Finish einer Spitzenproduktion aus dem Hause Netflix. Sehr gut gemachte Unterhaltung, passgenau für das Weihnachtsgeschäft.

          Die zwei Päpste, bei Netflix.

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