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TV-Serie „Inspektor Jury“ : Das ist nicht die feine englische Art

Da hilft auch kein Gebet: Inspektor Jury (Fritz Karl, Mitte) hockt am Tatort. Bild: ZDF und DoP Gerhard Schirlo

Das ZDF dreht jetzt Krimis, die aussehen wie Rosamunde-Pilcher-Filme. „Inspektor Jury“ zeigt das Ergebnis: gruseliges Wohlfühlfernsehen made in Germany vor britischen Kreidefelsen.

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          Wenn es ums Abschalten vor der Glotze geht, gibt es, grob betrachtet, zwei Fraktionen: diejenigen, die ein paar deftige Morde brauchen, um in den Entspannungsmodus zu wechseln, und die anderen, die eine herzige Geschichte vor englischen Kreidefelsen bevorzugen. „Tatort“ oder „Rosamunde Pilcher“?, das ist hier die Frage. Was läge näher, als beide Genres und Zuschauergruppen quotenbringend zu fusionieren? Und ein softes Crime-Time-Angebot zu schaffen, das watteweich noch alle Freunde britischer Distinguiertheit auffängt, die „Sherlock“ zu kühl und modern und die Morde in „Inspector Barnaby“ zu grausam finden?

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Alles, was es braucht, ist eine Handvoll hiesiger Schauspieler, die man in Wachsjacken und kastige Landhäuser steckt, fertig ist der englische Wunschkrimi Marke Eigenbau. Wie man sich von Leiche zu Leiche ein anderes Land schön träumt, hat das Erste schon mit Serien um den venezianischen Kommissar Brunetti und seinen bretonischen Kollegen Dupin gezeigt. Die Vorlagen lieferten bekanntlich Donna Leon, eine Amerikanerin im selbstgewählten Lagunenexil, und Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec, ein Deutscher mit Frankreich-Sehnsucht. Beschaulicher mordet es sich immer anderswo. Diesem Schema folgen auch die Krimis von Martha Grimes, der Frau aus Pennsylvania, die lieber in der Tradition von Agatha Christie schreibt als „hard-boiled“.

          Dass ihre „Inspektor Jury“-Reihe auf das ZDF warten musste, um verfilmt zu werden, ist ein Wunder. Die Ermittlungen des warmherzigen, leicht verschrobenen, frauenlosen, doch umschwärmten Scotland-Yard-Mannes Richard Jury sind Bestseller. Seit 1981 spürt er in und um Long Piddleton Verbrecher auf, unterstützt von seinem hypochondrischen Sergeanten Wiggins, seinem privatdetektivisch veranlagten adeligen Freund Melrose Plant, der darauf verzichtet, sich „Achter Earl von Caverness und Zwölfter Viscount Ardry“ zu nennen, und dessen schrulliger Tante Agatha. Plotting, hat Martha Grimes einmal gesagt, sei ihre Sache nicht. Ihre Leidenschaft gelte den Charakteren, ihren Macken und Beziehungen.

          Dieser Linie folgen auch die Adaptionen, von denen wir mit „Inspektor Jury – Mord im Nebel“ (Regie: Florian Kern, Buch: Günter Knarr) nun die zweite Folge sehen. Der Österreicher Fritz Karl gibt einen wuschelköpfigen Jury, physiognomisch ein Cousin Columbos, psychologisch immer mit einem Bein in der Welt seiner Imaginationen. Götz Schubert spielt das Abziehbild eines englischen Landadeligen, Arndt Schwering-Sohnrey jammert sich als Wiggins nicht uncharmant durch den Set, und Katharina Thalbach tut als Agatha das einzig Richtige.

          Miss Marple kehrt zurück: Katharina Thalbach spielt Tante Agatha.
          Miss Marple kehrt zurück: Katharina Thalbach spielt Tante Agatha. : Bild: ZDF und Patrick Redmond

          Sie wirft sich mit Wonne in ihren Karnevalsauftritt als Feudalschranze. Wenn sie beschirmt von ihrem vermeintlichen Fahrer an die Tür eines verdächtigen anderen Adeligen klopft und sich mit dem Spruch: „Ich bin Lady Agatha, mein Wagen hatte eine Panne, und ich wollte fragen, ob ich hier nächtigen kann“, investigativ einquartiert, rettet das fast den Film. Der Rest macht aus einer wirren Vorlage ein halbherzig gespieltes Fernsehstück, das so deutsch anmutet, dass man schon froh ist, wenn die Figuren richtig auf der falschen Straßenseite fahren.

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          Dass es um Morde an Kindern geht, verliert jeden Schrecken, weil die Kleinen post mortem nett mit Jury plaudern. So kann er heiter nachdenklich Spuren vom Pub ins Landhaus und zurück verfolgen, ein paar Vaterschaftsirrungen und Erbwirrungen klären und weiß doch die ganze Zeit, dass alles mit einem zwanzig Jahre zurückliegenden Mord anfing, den wir schwarzweiß mit blutrot eingefärbten Details sehen. Damals war die einzige Zeugin ein kleines Mädchen, die Lösung liegt auf der Hand. „Ich hoffe, ich langweile Sie nicht?“, fragt Melrose Jury einmal. Der antwortet nicht. Er wollte wohl höflich sein.

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