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„Neues aus dem Reihenhaus“ im ZDF : Die Hölle sind immer die Nachbarn

  • -Aktualisiert am

Womit haben wir das verdient? Jan (Stephan Luca) und Anne (Julia Richter) haben den Eindruck, sie seien sozial isoliert. Bild: ZDF und Christian Lüdeke

Wo man im Garten grillt, da lass dich ruhig nieder: Das ZDF setzt seine „Reihenhaus“-Komödie fort. Und sorgt für bombige Unterhaltung.

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          Der Einzige in seinem Eigenheim zu sein ist eine Illusion. Die im Umland der großen Städte – hier Frankfurt am Main – sprießenden Mittelschicht-Siedlungen, neuerdings meist in Lego-Bauweise, sind keine Rückzugsorte, sondern Wohngemeinschaften der autoritärsten Sorte. Der kleinste gemeinsame Nenner lautet, jeden Individualismus so weit zu nivellieren, dass er säuberlich unter den Carport passt. So ist es seit Urzeiten: gemeinsame Feuerstellen zur mentalen Einnordung (Grills), wechselseitige Dauerüberwachung (Tratsch), eine gnadenlose Thing-Gerichtsbarkeit (Eigentümerversammlung) und dennoch die ständige Versuchung (die Kirschen in Nachbars Garten). Man setze eine ganz und gar milieufremde Familie in diese Gegend, und eine Komödie à la „Flodder“ – eine Achtziger-Jahre-Trilogie über eine depravierte Familie, die schließlich zur Serie wurde – schreibt sich von selbst.

          Sehr viel aparter ist es jedoch, dabei zuzusehen, wie sich Protagonisten, die im Grunde ideal in eine Vorortsiedlung passen, an den ungeschriebenen Gesetzen der Community scheitern. Vor drei Jahren hat das ZDF dies getan mit der charmant klugen und oftmals hinterrücks witzigen Komödie „Ein Reihenhaus kommt selten allein“ nach einem Drehbuch von David Ungureit. Stephan Luca als heimarbeitender Familienvater, der sich aus Abscheu vor all der Spießigkeit, auch der eigenen, in die Arme einer Ex-Geliebten (Felicitas Woll) hätte flüchten können - und es doch nicht wirklich tat: Das war ein schöner Spaß. Man sah, wie er ankämpfte gegen den Konformismus, aber schließlich auch entdeckte, dass der sich partiell mit der eigenen Midlife-Crisis verrechnen ließ.

          Das Haus ist längst nicht abbezahlt

          Nun kehrt die sympathische Familie Börner auf den Bildschirm zurück (wieder nach einem Buch von David Ungureit; Regie abermals Titus Selge). Sie wohnt weiterhin, und immer noch in innerlicher Restdistanz, in der Neubausiedlung Grünfeld mit ihren geklonten Würfelbauten gehobenen Anspruchs. Schließlich ist das Haus „nicht mal zu einem Drittel abbezahlt“. Äußerlichkeiten, die man anderen Filmen als Mangel ankreiden würde, sprechen in diesem Fall sogar für die Komödie: Dass sich die Darstellerin der weiblichen Hauptfigur, Anne Börner, verlustlos ersetzen lässt (Julia Richter übernimmt den Part der erfolgreichen Scheidungsanwältin von Ulrike C. Tscharre), unterstreicht die Austauschbarkeit aller Elemente im Kleinbürgerparadies. Ähnlich ließe sich der Umstand rechtfertigen, einen Nachfolger produziert zu haben, der Handlung, Gags und Tragik des ersten Teils beerbt, inklusive der Dauerversuchung durch die kesse Maren (Felicitas Woll). In der Rollrasen-Hölle geschieht eben nichts Neues unter der Sonne. Lustig dudelt dazu die Klarinette.

          Allerdings ist nun alles etwas greller und slapstickhafter geraten. Die im ersten Teil vor allem skurrilen Nachbarn sind jetzt vollgültige Witzfiguren, die auch mal kopfüber in Mülleimern landen; die Putzhilfe aus dem Osten ist eine saufende Diktatorin; Jan Börner hüpft gerne nackt herum. Beruflich läuft es nicht eben rund für den Graphiker, der zuletzt Motive für Toilettenpapier entwarf. Ehefrau Anne stört das wenig, hat sie als Workaholic so doch den Rücken frei für ihre Karriere. Da taucht eines Tages jene dauerverknallte Maren wieder auf, die inzwischen als Lektorin arbeitet und Jans Comic groß rausbringen will. Pikant an der Sache ist, dass der Comic erkennbar von den Bewohnern und Vorgängen in Grünfeld handelt, weshalb der ohnehin nur halb akklimatisierten Familie bald der soziale Tod droht: „Wir sind hier für immer isoliert.“ Da stehen sie in ihren Tonnen von Grillgut, doch kein Gast taucht auf. Nicht mal die Schwaben.

          Amüsieren darf man sich dabei durchaus. Was den Machern wieder gelingt, ist auch das Hakenschlagen: Auf haarsträubende Gags folgen Szenen von hoher Glaubwürdigkeit, Gespräche mit der pubertierenden Tochter (authentisch nervend: Michelle Barthel) oder Verhandlungen mit dem Partner über berufliches Kürzertreten. Das ist mehr als nur ein gutes Gespür für Timing. Ungureit und Selge haben verstanden, dass der beste Witz in diesem Fall aus den Problemen und oft albernen Routinen des Alltags hervorgeht. Schade ist, dass sie nicht wieder ganz auf diese Dimension des Humors gesetzt haben. Auch der explosiv versöhnliche Schluss hat trotz des guten Einfalls, das Paradies aufs Spiel zu setzen, seine Schwächen. Aber wie beim Wort „Säurezünder“ allen Vorstadt-Kleinbürgern die Kinnlade herunterklappt, das ist schon herrlich gehässig.

          Feuer frei: Einstürzende Neubauten bringen die Nachbarschaft zum Staunen.

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