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ZDF-Komödie „Endlich Witwer“ : Jetzt hat er endlich Feierabend

  • -Aktualisiert am

Es geht ihm gut: Georg Weiser (Joachim Król) trauert nicht wirklich. Bild: ZDF und Reiner Bajo

Ins Kunstgras gebissen: Joachim Król brilliert als Menschenfeind in einer Witwer-Komödie des ZDF, die vor Esprit nur so strotzt. Das hat man nicht alle Tage.

          Auch am Montag wird gestorben im deutschen Fernsehen, aber manchmal etwas stiller als sonst. Da darf der mimische Malocher Joachim Król in der Rolle eines selbstgefälligen Provinzmittelständlers – Georg Weise macht in Kunstrasen – seiner Blümchen-Gattin erst einmal eine lange, nölige Ansprache halten, worin er nur halb glaubhaft der von ihr erwünschten Scheidung zustimmt, bis er irgendwann im Verlauf des gemeinsamen Fernsehabends (es läuft das ZDF) bemerkt, dass er längst Witwer ist. Deshalb also diese Mucksmäuschenstille aus dem Nachbarsessel. Auch gut, denkt der Mann mit dem Drachentöternamen und der nachvollziehbaren Abscheu vor Bier mit Eiswürfeln (die nur von der noch größeren Abscheu vor warmem Bier aufgewogen wird): Hauptsache, endlich frei.

          So kostet ihn die Befreiung sogar kaum etwas – bis auf sechs Quadratmeter Kunstrasen, die Georg für das Grab lockermacht, was ihn aber immer noch weit billiger kommt als die vom Totengräber vorgesehenen Bodendecker. Gespart werden muss in der Tat, denn der Wert der eigenen Firma liegt bei grob überschlagenen null Euro. Zudem droht noch die Auszahlung des Pflichtteils für die beiden Kinder. Die mit selbstgebackener Psychologie („Das ist ein Gefühlsverschluss“) und viel Kuchen eisern ihre Zuneigung ausdrückende Susanne (Friederike Kempter) und der den Vater aggressiv angehende Privatdetektiv Gerd (Tristan Seith; köstlich rollt Król mit den Augen, als der Notar den „Beruf“ des Sohnemanns nennt) sind in Sachen Selbstwertgefühl freilich auch eher Bodendecker, woran natürlich niemand anders Schuld trägt als Stinkstiefel Georg, der noch lernen muss – das gehört zwingend zum Miesepeter-wird-kuriert-Genre –, dass er selbst jener Drache ist, den es hier zu besiegen gilt.

          Ungewöhnlich feinsinnig

          Das Buch von Martin Rauhaus ist für eine Melancholie-Komödie ungewöhnlich feinsinnig, sowohl in Bezug auf überraschende Volten und offen endende Handlungsstränge als auch hinsichtlich der nie abgeschmackten Dialoge. Pia Strietmanns Regie wiederum geizt nicht mit warmen Farben und warmherzigen Einfällen, die auf prächtige Weise mit Georgs ausgestellter, aber selbstredend nur auf Angst beruhender Gefühlskälte kollidieren. Sie findet starke Bilder für die emotionale Verunsicherung der Hauptfigur, am ikonischsten wohl die Aufnahmen aus dem Schwimmbad, in dem Georg zwischen Aquagymnastik-Schwimmnudelrentnerinnen um sein Restleben rückenpaddelt.

          Was in David Lynchs „Straight Story“ Richard Farnsworth auf dem Aufsitzrasenmäher war, in Alexander Paynes „About Schmidt“ Jack Nicholson auf dem Dach seines Wohnmobils, das ist hier Joachim Król mit Idiotenbadekappe und spack sitzender Schwimmbrille: ein Ecce-Homo-Bild des Jammers und der unvermuteten Willenskraft, dann doch nicht einfach so abzusaufen.

          Überhaupt ist Król von allen Zutaten dieser Trauerbewältigungsüberwältigung die wichtigste, denn welcher Darsteller kann sonst schon eine komplett vorhersehbare Szene so spielen, dass sie gänzlich neu wirkt? Und wenn er richtig aufdreht, wie beim rücksichtslosen Ausmisten des Hauses – zu Deep Purples alle jaulende Peinlichkeit mit Pathos überstrahlender Protest- und Übermut-Hymne „Child in Time“ landen blumenstarrende Couchelemente, spießige Vorhänge und Zentner an Porzellannippes auf einem den ganzen Film hindurch anklagend vor der Tür verrottenden Müllberg –, dann besitzt das eine wahre, tiefe, weil schmerzhafte Komik. Das neu eingerichtete Männerparadies mit „Bier only“-Kühlschrank und Riesen-Dolby-Surround-Heimkino für die „Sportschau“ hat außerdem einen Geburtsfehler: Paradiese wurden nicht für Singles erfunden. Da hilft auch keine Aufwallung der alten linken Straßenkämpfernatur Georgs, zumal sich seine „Pimmelkopp“-Attacke auf einen System-Lakaien durch verlorene Falschparker-Ehre erklärt.

          Hier kommt eine weitere Zentralfigur ins Spiel, nicht ganz eine Eva, aber zumindest eine taffe Lilith: die junge Witwerin Gisela (Anneke Kim Sarnau), die sich putzend etwas dazuverdienen muss und mit Dompteusenautorität nicht nur den Pumakäfig Georgs reinigt, sondern gleich auch seine verkapselte, muffige Seele auslüftet. Der Weg zurück zum kleinen Glück stellt die größte Gefahr für Filme dieses Kalibers dar, aber das Trio Rauhaus, Strietmann und Król meistert ihn vortrefflich, weil hier niemand kopfüber ins Happy End purzelt, sondern der Held nur tastend, Schritt für Schritt auf den Echtrasen zurückfindet.

          Dabei hat dann auch Dieter Hallervorden, der in den vergangenen Tagen ein regelrechtes Comeback auf dem Fernsehbildschirm erlebte, einen würdigen Auftritt als ehemaliger Klassenlehrer, der am Klavier den tief in Georgs Unterbewusstsein blickenden Curd-Jürgens-Schlager „Sechzig Jahre und kein bisschen weise“ trällert: „Mitunter wär ich gerne abgehauen,/ auf heißen Kohlen hab ich manches Mal gesessen./ Dass ich dann blieb, das war nicht Selbstvertrauen,/ sondern die Angst, man könnte mich vergessen.“ Aber siehe da, sie glimmt noch, die Kohle.

          Endlich Witwer, heute, Montag 13. Mai, um 20.15 Uhr im ZDF.

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