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Wiener „Tatort“ : Gefesselt oder gerührt

Nur Kollegen? Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer als Bibi Fellner und Moritz Eisner, grantelnd Bild: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

In der Wiener „Tatort“-Folge muss eine freundlich menschelnde Rahmenhandlung eine eher unambitionierte Kriminalgeschichte zusammenhalten. Und die Ermittler müssen einen flauen Erotik-Witz nach dem anderen reißen.

          2 Min.

          Kaum ist der Fall ein paar Minuten alt, sitzen Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) schon beim Therapeuten. Der ist angeblich nur ein Saunabekannter Eisners, den er nun um eine Einschätzung zur Seelenlage des Mordopfers bittet. Tatsächlich ist der Psychologe der Mann vom Fach, mit dem der Kommissar nach Feierabend eine persönliche „Krise“ bespricht, von deren Existenz wir bisher nichts ahnten – was irgendwie auch besser war. Eisner, der Alleinstehende, im Tief mangels erotischer Abenteuer? Um Bibi Fellner als Figur die nötige Unwucht zu verleihen, die sie interessant macht, reichten bisher wiederkehrende Hinweise auf ihr überwundenes Alkoholproblem. In dieser Episode des „Tatorts“ aus Wien aber offenbart sie uns wie der Kollege sexuelle Frustration.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kein Wunder, dass der Psychologe die beiden für ein Paar hält, was sie entsetzt negieren, nur um einander später immer wieder implizit wie explizit zu sagen: Na ja, ganz so abwegig ist die Idee ja nicht, es grantelt sich schon schöner zu zweit, aber jetzt ist es für eine Romanze zu spät oder etwa doch nicht? Womit die freundlich menschelnde Fellner-Eisner-Rahmenhandlung, die in diesem österreichischen „Tatort“ eine eher unambitionierte Kriminalgeschichte zusammenhält, schon erzählt wäre.

          Der Tote war ein Ekel

          Für alles, was mit dem Verbrechen in Verbindung steht, hat Drehbuchautor Uli Brée in der Kiste mit Trash und Sex gewühlt, aus der er schon seine „Vorstadtweiber“ zog. Das Mordopfer hängt erdrosselt und mit Bondage-Material umwickelt in der Dusche seiner Luxusvilla: ein Musikproduzent, der die Kandidaten einer Castingshow vermarktete, den aber wohl, so erfahren wir, die Suche nach dem ultimativen Höhepunkt jenseits von Ultimo befördert hat. War es Mord oder Unfall? Ein Zettel mit einem Liedtext an einem Ort, wo man ihn nicht vermutet hätte, legt nahe: Hier hat jemand Rache genommen. Doch wer?

          Vor dem Kommissarduo treten auf: die Witwe des Toten (Aglaia Szyszkowitz), die wenig erschüttert scheint und einen Castingshow-Kandidaten (Michael Steinocher) zum Liebhaber hat; ein weiterer Casting-Kandidat (Rafael Haider), dessen Vater tot ist, aber mal der Held des Austro-Rocks war; seine Mutter (Ruth Brauer-Kvam), eine mäßig erfolgreiche Rocksängerin, die den Sohn auf Erfolg trimmen will und Eisner schöne Augen macht; eine vom Ermordeten ausgebeutete frühere Kandidatin (Sabrina Rupp), die einen Selbstmordversuch hinter sich hat; deren Mutter mit tieftraurigen Augen (Susi Stach) und diverse kühle Figuren aus der kalten Unterhaltungsindustrie. Alle haben ein Motiv. Der Tote war ein Ekel, vor Missbrauch und sexueller Nötigung schreckte er nicht zurück.

          Es hätte ein anrührender Film werden können

          Ein psychologisch dichtes und schlüssiges Geflecht von Abhängigkeiten, enttäuschten Hoffnungen und zerstörten Leben hätte man auch ohne die Einblicke per Überwachungskamera in die Spielkammer des Ermordeten haben können. So müssen, als sollten sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, Bibi Fellner und Moritz Eisner einen flauen Erotik-Witz nach dem anderen reißen: über die Parallelen zwischen Autos und Geliebten etwa, was ein bezeichnendes Licht auf Bibis Firebird wirft, der nicht anspringt. Und dann muss Eisner seine Kollegin Bibi per angedeuteter Waffengewalt von einem Beinahe-Liebhaber befreien, der ganz und gar nicht gewalttätig wirkt. Was wenig Sinn ergibt, aber zum unterhaltsamen Teil der von Regisseur Michi Riebl inszenierten Folge „Sternschnuppe“ gehört.

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          In der geht es eigentlich um gnadenlos verheizte Talente und verkaufte Seelen. Es hätte ein anrührender Film werden können, Rafael Haider und Sabrina Rupp tun das Ihre dazu. Doch keine der Figuren hat genug Raum, um ein über das Schablonenhafte hinausgehendes Eigenleben zu entwickeln. Zu viele Probleme und Tragödien türmen sich, bis es beinahe gleichgültig erscheint, wer denn nun der Täter war. Die Kommissare sind da schon so weit, sich dem „Sex des Alters“ (so sagt Eisner) hinzugeben: dem Essen. Am Ende erklingt ein trauriges Pop-Lied an einem Grab, eine der Figuren hält es nicht mehr aus und sagt: Schluss jetzt, bitte. Ganz so rabiat muss man nicht sein, aber dass der Film nicht noch eine Stunde weitergeht, ist schon eine gute Sache.

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