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„Die Welt steht still“ im ZDF : Woran werden wir uns erinnern?

  • -Aktualisiert am

Carolin Mella (Natalia Wörner) kümmert sich um ihre demente Mutter (Elisabeth Schwarz). Bild: ZDF und Georges Pauly

Der Fernsehfilm „Die Welt steht still“ von Dorothee Schön versucht, Bilder für eine Zeit zu finden, in der noch niemand ahnte, was die Pandemie für die Welt bedeutet. Ein Film, über den man reden wird.

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          Wie werden wir uns in einigen Jahren an die Corona-Pandemie erinnern? An eine Folge von Lockdowns, an Homeschooling, an Digitalisierungsdefizite und Debatten um die Geltung wissenschaftlicher Beratung, wenn es um die Verantwortung politischer Entscheidungen geht? An frustrierte Kinder, einsame Senioren, entlassene Angestellte und Überforderungen allerorts? Ans isolierte Sterben nahestehender Personen oder an abstruse Verschwörungsmythen? Oder an den Applaus für Pflegekräfte, an Solidarität und Aktionen der Mitmenschlichkeit?

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          Über die belastende Arbeit von Ärzten und medizinischem Personal kann uns etwa der dokumentarische RBB-Vierteiler „Charité intensiv“ (von Carl Gierstorfer und Mareike Müller) informieren, der in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Aufmerksamkeit (und etliche Preise) bekam auch das Engagement von Joko & Klaas, die beim Sender Pro Sieben zum Thema Pflegenotstand (#nichtselbstverständlich) ganze sieben Stunden Sendezeit erspielten (online bei ProSieben.de). Erinnern wird man sich bald auch an den ersten Fernsehfilm, der nicht nur unter Pandemiebedingungen mit den entsprechenden Hygienevorschriften entstand, sondern der die ersten dreieinhalb Monate des Jahres 2020 wieder nah erfahrbar macht. „Die Welt steht still“ (ZDF) von der Autorin Dorothee Schön („Frau Böhm sagt Nein“, „Der letzte schöne Tag“, „Charité“-Serie) und Anno Saul (Regie, ebenfalls „Charité) erhebt nicht den Anspruch, die Pandemie als solche darzustellen.

          Momentaufnahme, mitten in der Pandemie

          Der Film erzählt eine Momentaufnahme – chronologisch vom Jahreswechsel 2020 bis Mitte April. Gerade durch die Konzen­tration auf die Ereignisse dieser Zeit ist er besonders eindrücklich. Sein beobachtender Gestus ist nicht nur nüchtern. Er schließt Emotionen und Ängste, Vereinsamung und Vereinzelung ein, spart sich aber Katastrophenfilm-Spannungsdramatik. Es geht um eine Familie, in der sich die Pro­bleme verdichtet zeigen. Die Hauptfigur ist Intensivmedizinerin, Ehefrau, Mutter, Tochter und Nachbarin. Ihre Geschichte, eher sachlich gefilmt (Kamera Martin L. Ludwig), ist auf exemplarische Weise humanistisch.

          Die Ärztin Carolin Mellau (Natalia Wörner), eine der ersten, die Corona-Infizierte in Deutschland behandelt, hat sich trotz größter Vorsicht selbst angesteckt und zeigt einen schweren Krankheitsverlauf. „Die Welt steht still“ beginnt mit der Rahmenhandlung, in der die Ärztin ins künstliche Koma versetzt wird (im Film Mitte April 2020). Dabei beginnt 2020 für Mellau und ihren Mann Stefan (Marcus Mittermeier) voller Zukunftspläne. Sie hat die Kündigung als Krankenhausärztin eingereicht, im Gespräch mit ihrem Chef spricht sie über den unzureichenden Personalschlüssel und die Unterbesetzung der Stationen. Nach ein paar Monaten Familienzeit, in der der freiberufliche Musiker Stefan mit seinem klassischen Ensemble auf Tournee gehen wird, will Mellau in einer Hausarztpraxis neu beginnen.

          Aufopfernd kümmert sie sich zu dieser Zeit noch um ihre demente Mutter (berührend: Elisabeth Schwarz) im Pflegeheim, der sie mit Creme mit vertrautem Maiglöckchenduft Ängste nimmt. Bald gibt es Informationen – und Gerüchte – über Vorkommnisse in Wuhan. Erste Patienten treffen im Krankenhaus ein, Schutzkleidung und Masken sind Mangelware, Labore testen am Anschlag. Mellau nimmt ihre Kündigung zurück, zumal die Tournee abgesagt wird und Musikschüler ihres Mannes kündigen. Bald ist die Grenze zur Schweiz dicht, wird eine Patientin aus dem Elsass eingeflogen. Das Wort „Triage“ macht die Runde. Detailliert und eindrücklich zeigt „Die Welt steht still“ die Arbeit auf der Intensivstation. Mellau bleibt bei allem Stress eine vorbildliche Figur: bestimmt, klar und zugewandt. Wörner spielt sie weich und durchlässig – verständnisvoll und gleichzeitig Nonsens mit Temperament und Fakten widerlegend. Zum Heroischen fehlt dieser Figur, erkennbar eine Herzensrolle von Dorothee Schön, nur die überhöhende Distanz. Aber Mellau soll, das merkt man in vielen Szenen, eben nicht Superwoman sein, sondern verletzbar. Das gelingt nicht immer, doch das mindert die empathische Wirkung des Films nicht: Idealismus und Realismus halten einander die Waage.

          Der ältere Nachbar der Mellaus, Herr Schwarz (Klaus Pohl), betreibt ein Optikergeschäft. Er und seine Frau Annette (Lena Stolze) sind Eigenbrötler, bald „Querdenker“. Als Schwarz mit schweren Symptomen ins Krankenhaus kommt und verstirbt, beginnt Frau Schwarz zu begreifen. Man mag diese Figur, von Lena Stolze zurückhaltend gespielt, ein wenig zu undeutlich finden, aber es dient der Nachvollziehbarkeit des Films, ihre Veränderungen nur anzudeuten und dafür mehr mit dem Leid ihres Verlusts zu sympathisieren. Statt bestimmte Positionen eindeutig-vordergründig zu werten, findet der Film selbst für den größten Leugner der Tatsachen, Herrn Schwarz, noch eine bestimmte Motivation, sozusagen mit Würdeanschluss. Für Mellau freilich könnte ihr Engagement tragisch enden. Sie würde Menschen hinterlassen, die sie lieben und auf sie angewiesen sind. Das Ende bleibt offen – oder nicht? Darüber lässt sich reden. Wie über diesen Film insgesamt, über den sich aus vielen Perspektiven gut reden lässt.

          Die Welt steht still, heute, 20.15 Uhr, im ZDF.

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