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ZDF-Zweiteiler : Hier ist kein Glück, unter keinem Dach

  • -Aktualisiert am

Kessler (Heino Ferch, rechts) glaubt, dass Tom (Timo Hack), der seine Familie verloren hat, mehr weiß, als er preisgibt. Bild: ZDF

Im ersten Teil ging es um einen Kindermord in Küstennähe, die Serie „Broadchurch“ stand hier Pate. Die Fortsetzung spürt an gleicher Stelle dem Mord an einem Familienvater nach. Ein vertrackter Fall.

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          Trotz offenkundiger Anlehnung an die britische Serie „Broadchurch“ bescherte „Tod eines Mädchens“ mit Barbara Auer und Heino Ferch dem ZDF 2015 einen Marktanteil von knapp 25 Prozent. Acht Millionen Zuschauer – solche Zahlen lassen aufmerken, insbesondere seit die Streamingdienste immer mehr Verbreitung finden und die Ermittlerscharen des Zweiten den einzelnen TV-Spielfilm als Ereignis marginalisieren. Selbst der meist quotenstarke ARD-„Tatort“ musste im vergangenen Jahr deutliche Verluste in Spitze und Breite verzeichnen. Die Rückkehr nach Nordholm, der Kleinstadt, in der die Ermordung einer vierzehnjährigen Schülerin vor vier Jahren Auswirkungen auf fast alle Beziehungen der Gemeinschaft hatte, war bloß eine Frage der Zeit und wurde am Ende von „Tod eines Mädchens“ schon in Aussicht gestellt.

          Das (Quotenerfolgs-)Rezept bleibt im neuen Zweiteiler „Die verschwundene Familie“ das gleiche. Die Promidichte ist bis in die Nebenrollen hoch. Thomas Berger (Buch und Regie) greift auf die altbewährte Vermischung von einfallslos chronologisch erzählter Krimientwicklung und dynamischer Familienaufstellung zurück. Die Kamera von Frank Küpper bietet, angefangen vom stets vorteilhaften In-Szene-Setzen der Hauptdarsteller bis zum wiederholten Küstenbildklischee (Strandimpression, Steilküstenanflug, Herrensitzherumgeschweife, Waldlichtungsstimmung am Meer, nächtliches Wellenwogen) sattsam Bekanntes an. Die Musik von Florian Tessloff setzt auf streicherspannungsverstärkende und pianomelancholische Handlungsüberbietung.

          Man lebt zurzeit in Schattierungen von warmdunklen Wandblau

          Die Ausstattung (Thorsten Lau) orientiert sich am aktuellen „Schöner Wohnen“-Farbkalender (man lebt zurzeit in Schattierungen von warmdunklen Wandblau mit cognacfarbenen Möbeln). Und wiederum betrifft das Verbrechen die Familie im Nachbarhaus der Polizistin Hella Christensen (Auer), das nach der Aufklärung des Mordes an der Schülerin Jennifer Broder und dem Wegzug ihres Vaters zwangsversteigert wurde. Die Mutter des toten Mädchens, Silke Broder (Anja Kling), wohnt nun in ihrer Buchhandlung im Stadtzentrum und organisiert Lesungen, etwa mit dem Romanautor Hendrik Holler (Rüdiger Vogler), dessen undurchsichtige Beziehungen zum Hotelier Uwe Hahn (Gustav Peter Wöhler) zum Gegenstand der Nachforschung werden. Auf keinem der Familienheime liegt hier Glück. Wo nichts Kriminelles geschieht, wohnt zumindest die Verzweiflung.

          An dem Tag, an dem in Nordholm der Ministerpräsident erwartet wird, um anlässlich der Achthundertjahrfeier des Ortes eine Rede zu halten, wird Familienvater Jakob Thomsen (Hanno Friedrich) am Fuß der Steilküste tot aufgefunden. Die Gerichtsmedizin erkennt rätselhafter- und nicht ganz logischerweise eindeutig einen Selbstmord. Thomsens Frau Anna (Bernadette Heerwagen) und Tochter Lilly (Zoe Malia Moon) bleiben verschwunden.

          Nur der kleine Sohn Tom (Timo Hack) steht unversehens allein am Fähranleger und will um keinen Preis bei den Großeltern Gustav und Ulrike Hansen (Dietrich Hollinderbäumer und Ulrike Kriener) unterkommen. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt – in dem sich die Dramaturgie bei der Verdeutlichung der Familienimplosion der leitenden Polizisten Christensen unendlich viel Zeit lässt und wichtige Zeugen nicht befragt werden. Vier Jahre später kehrt auch Simon Kessler (Ferch) nach Nordholm zurück, um der vorgenannten Ermittlerin mit Lokalcharakterschwächenkenntnis, die eigentlich gerade gekündigt hat, auf den Wecker zu gehen.

          Für Liebhaber vertrackter Geschichten wird das Ganze über 180 Minuten hinweg kaum je richtig spannend. Zu deutlich vernachlässigt das Drehbuch absichtlich bestimmte Spuren und betont offensichtlich Nebensächliches. „Die verschwundene Familie“ setzt quotentechnisch geschickt eben eher auf sein zum Teil gestalterisch weit unterfordertes Schauspielerensemble als auf Schlüssigkeit. Wie man das besser machen kann, ist in den drei Staffeln des Vorbilds „Broadchurch“ bei Netflix zu sehen.

          Die verschwundene Familie läuft heute, Teil 2 morgen jeweils um 20.15 Uhr, im ZDF.

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