https://www.faz.net/-gqz-7ym3o

„Charlie Hebdo“ : Wer den Tod zeichnen kann, der feiert das Leben

  • -Aktualisiert am

Aufmacher der aktuellen Ausgabe von „Charlie Hebdo“: Die Zeichner verarbeiten die Attentate in ihren Texten und Cartoons. Bild: AFP

Im neuen Heft von „Charlie Hebdo“ geht es um alles: Freiheit, Menschenrechte, den Kampf gegen Tyrannei und religiöse Zensur. Die Überlebenden setzen ein Fanal.

          4 Min.

          Der Mörder hatte Sigolène Vinson hinter einem Schreibtisch entdeckt. Ihr fielen seine sanften Augen auf. Er erklärte ihr, dass er sie verschonen wolle, weil sie keine Frauen töteten. Das war zwar gelogen, denn unter den Opfern war auch eine Frau, Elsa Cayat, aber das wusste Vinson noch nicht. Sie hatte eine andere Sorge: Neben ihr hatte sich noch ein Kollege versteckt. Den würden die Killer sicher nicht verschonen. Also widersprach sie nicht, sondern nickte nur, als der Terrorist ihr auftrug, nun den Koran zu lesen, und fortan verschleiert in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Sie widersprach ihm nicht, obwohl es ihr glasklar im Sinn stand: Was ich mache, als juristische Kolumnistin für „Charlie Hebdo“, das ist das Gute, und was ihr tut, ist böse. Aber das waren nur Stimmen in ihrem Bewusstsein, äußerlich schwieg sie, bis der Killer mit seinem Bruder wieder abgezogen war – ohne den Mann neben ihr entdeckt zu haben.

          Diese dramatische Begegnung schilderte Frau Vinson vor zwei Tagen in „Le Monde“. Nach und nach finden die überlebenden Mitglieder der „Charlie Hebdo“-Redaktion ihre Stimme wieder, und das Geschehen wird durch ihre genauere Schilderung nur noch grauenvoller. Das wichtigste Zeugnis der ermordeten Helden ist aber das jeweils nächste Heft. Die Redaktion fand bei der linken Tageszeitung „Libération“ eine provisorische und schwer bewachte Heimat. Nun ist die Auflage des Gastheftes um ein Vielfaches größer als das der ewig schwächelnden „Libé“, weltweit ist es nachgefragt, ist ausverkauft. Sogar Arnold Schwarzenegger hat ein Abo bestellt.

          Lachen vor lauter Ironie

          Das neue Leben von „Charlie Hebdo“ gäbe es nicht ohne den Märtyrertod der Zeichnerkollegen, des Polizisten, der mit ihnen gestorben ist, auch des Hausmeisters. Das wird im Leitartikel mit einer gewissen Melancholie kommentiert: Oft habe sich die Redaktion allein gefühlt, habe man sie mit dem Vorwurf der Islamophobie oder ganz allgemein der Übertreibung belegt, um sich aus der Solidarität zu stehlen. Und nun, so schreibt der amtierende Chefredakteur Gérard Biard, läuten sogar die Glocken von Notre-Dame zu Ehren von „Charlie“, da hätten sie vor so viel Ironie doch lachen müssen. Und im letzten Absatz wünscht er sich – mit besten Grüßen an den Papst –, dass diese Glocken auch einmal von den Aktivistinnen der Femen geläutet werden.

          Das kleine Team ist von der Dimension der Ereignisse überfordert, auf dem Papier aber gelingt es den Überlebenden, die Welt so zu zeichnen und zu beschreiben, wie „Charlie“ sie sah. Auch dem, der das Blatt zum ersten Mal in Händen hält, wird klar, wie heftig hier der Wind der Freiheit weht. Gleich neben dem bittersüßen, auch etwas ratlosen Leitartikel finden sich fünf Zeichnungen, in denen diverse Weltreligionen übelst karikiert werden.

          Ein Rabbi, ein Imam, eine Art Hare-Krishna-Mönch und ein Kardinal beugen sich über einen Globus und teilen sich die Welt auf: Ich nehme den Westen, du den Osten, die Überschrift: Jalta im Vatikan. Wie die Machthaber am Ende des Zweiten Weltkrieges teilen sich die geistlichen Führer das Seelenheil der Welt in Machtbereiche auf. Oft sind die Pointen anzüglich, seit der Französischen Revolution – der amerikanische Kulturhistoriker Robert Darnton hat es beschrieben – gehen in Frankreich der Kult der Libertinage und die Aufklärung Hand in Hand.

          Ein Zeitschriftenladen in Brüssel: Menschen stehen Schlange, um die neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“ zu kaufen.
          Ein Zeitschriftenladen in Brüssel: Menschen stehen Schlange, um die neue Ausgabe von „Charlie Hebdo“ zu kaufen. : Bild: AFP

          Die Pubertät dauert also locker seit den 1780er Jahren. Viele Zeichnungen nehmen daher auch die sexuelle Frustration muslimischer Radikaler, aber auch der Vertreter anderer Religionen ins Visier. In einer wegen ihrer Schlichtheit besonders ergreifenden Zeichnung listet der Karikaturist Luz die guten und diese schlechten Aspekte der vergangenen Woche auf.

          Weitere Themen

          25 Jahre Witze für Deutschland

          Greser & Lenz : 25 Jahre Witze für Deutschland

          Seit 25 Jahren erscheinen die Karikaturen des Zeichnerduos Greser & Lenz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zum Jubiläum zeigt das Caricatura Museum eine bestechende Auswahl aus einem Vierteljahrhundert Witze für Deutschland.

          Topmeldungen

          Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

          Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

          Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
          Am 18. Juni in Teheran: Ebrahim Raissi winkt den Medien zu, nachdem er seine Stimme in einem Wahllokal abgegeben hat. Die Wahl gewann er.

          Irans neuer Präsident : Schlächter und Schneeflocke

          Nächste Woche tritt Ebrahim Raissi sein Amt als iranischer Präsident an. Mit ihm zerbricht der Mythos vom reformfähigen Regime. Weiß der Westen, mit wem er es zu tun bekommt? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.