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TV-Serie „Chernobyl“ : Die Vernichtung wird vom Wind getragen

Der Feuerwehrmann Vasily Ignatenko (Adama Nagaitis) im Angesicht der Katatsrophe. Sie wird auch ihn das Leben kosten. Bild: HBO/Sky

Die Serie „Chernobyl“ findet Bilder für ein Grauen, das mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Sie wirkt wie böse Science-Fiction aus der Vergangenheit.

          Am 26. April 1986, um 8.30 Uhr, geht im Tschernobyler Kernkraftwerk mit Namen „Wladimir Iljitsch Lenin“ niemand ans Telefon. Wenige Minuten zuvor, so zeigt es die HBO-Serie „Chernobyl“, hatte im Weißrussischen Institut für Kernenergie in Minsk ein rotes Lämpchen aufgeblinkt und war ein kurzer, schnarrender Warnton erklungen. Ulyana Khomyuk (Emily Watson), eine resolute Wissenschaftlerin und eine der wenigen fiktiven Figuren, wischt daraufhin mit einem Taschentuch über die Fensterscheibe. Etwas muss vorgefallen sein. Unklar ist, ob es „die Amerikaner“ waren, ein Atombombentest der eigenen Leute oder etwas anderes. Nach einem Test im Massenspektrometer ist klar: die Isotope auf der Scheibe stammen aus dem fast vierhundert Kilometer entfernten Kernreaktor vom Typ RBMK-1000 des Kraftwerks in Tschernobyl. Die Katastrophe beginnt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Tags zuvor, am 25. April, sollte in Tschernobyl ein kompletter externer Stromausfall simuliert werden, die Turbine wird vom Reaktor getrennt. Man will beweisen, dass die Energie des Nachlaufs der Turbine ausreicht, um die Kühlung aufrechtzuerhalten, bis die Diesel-Stromaggregate angelaufen sind. Doch die Techniker um den Leiter Anatoli Djatlow fahren den Reaktor nicht vollständig herunter und schalten einige Sicherungssysteme aus, um ihren Versuch im Falle eines Fehlers rasch wiederholen zu können. Als der Reaktor im unteren Leistungsbereich instabil wird, kann das Team nicht schnell genug gegensteuern. Plötzlich überkritisch, steigt die Reaktorleistung binnen Sekunden um ein Vielfaches, was zu einer Explosion des Kühlwassers führt, die den Reaktor auseinanderreißt und seine hochradioaktiven Bestandteile, vor allem Graphit, über die Unfallstelle verteilt. Ein GAU – der größte anzunehmende Unfall, der erste seiner Art, und niemand erkennt ihn.

          In der Serie „Chernobyl“ ist die Explosion nur als kleiner Funken in der Ferne zu sehen, eine visuelle Untertreibung; durch ein Fenster in der Wohnung des Feuerwehrmanns Vasily Ignatenko (Adam Nagaitis) und seiner Frau Lyudmilla (Jessie Buckley) in der vier Kilometer entfernten Arbeitersiedlung Prypjat (damals etwa 48 000 Einwohner), die 1970 eigens zum Bau des Kernkraftwerks mit lauter Plattenbauten aus dem sowjetischen Boden gestampft worden war. Wenige Sekunden nach dem Licht fährt ein gewaltiger Ruck durch die Wohnung, Lyudmilla ängstigt sich, Vasily beruhigt sie und bricht zum Einsatz auf. Es gab diesen Feuerwehrmann. Er starb mit 25 Jahren an den Folgen der Überdosis radioaktiver Strahlung, der er bei den vergeblichen Löscharbeiten am gesprengten Block 4 ausgesetzt war.

          Die Nachbarn haben derweil die Kinder aufgeweckt und sehen sich das Spektakel von der Brücke aus an. Während die Techniker im Kraftwerk mit ihrem Leben gegen eine unsichtbare Kraft kämpfen, deren Stimme immer wieder nur als Knarzen des Geigerzählers zu hören ist, staunen Familien über das, was zumindest in der Serie als blaue Leuchtsäule in den Himmel zeigt.

          Außer Kontrolle: die Schaltzentrale des Kernkraftwerks.

          Darin, die gewaltige energetische, verderbenbringende Wirkung dieser unsichtbaren und daher unheimlichen Kraft zu zeigen, liegt die Meisterschaft dieser Serie. Es sind nicht die naheliegenden, verstörenden und unmittelbaren Vorgänge, wie Verbrennungen ohne Feuer oder die sich übergebenden Menschen. Es sind die visuellen Gefäße und Vehikel, die Johann Renck (Regie), Jakob Ihre (Kamera) und Craig Mazin (Buch) erschaffen haben, um so etwas wie Strahlung sicht- und beinahe schmerzlich fühlbar zu machen: die schwarze Rauchsäule, die feine Asche, die zu den Schaulustigen herüberweht, eine Drossel, die vom Himmel fällt, ein verendetes Reh auf feuchter Erde, Wind, der durch Kinderhaare streicht – stets weiß nur der Zuschauer, wofür diese Dinge wirklich stehen. Es ist nicht so, dass man dergleichen noch nie gesehen hätte, doch das schnörkellose Arrangement der filmischen Mittel und Symbole ist derart dicht und verlässt sich so selbstverständlich auf seine Aussagekraft, dass das Geschehen den Zuschauer mit einer Wucht trifft, die Fluchtinstinkte weckt. Städte werden zu Stillleben, und Räume schnurren auf ihren giftigen Inhalt zusammen. Seit Wolfgang Petersens „Das Boot“ hat kaum ein Bewegtbildangebot mehr eine derartige Beklemmung hervorgerufen. Eine bis ins Detail ausgefeilte Geräuschkulisse, die homöopathisch eingesetzte Schreckensuntermalung durch Musik und Dialoge, in denen vieles unausgesprochen bleibt oder weggeschnaubt werden darf, tragen ihren Teil dazu bei.

          Zu einer intensiven Erfahrung wird die Serie auch durch das Ungleichgewicht zwischen der Ahnungslosigkeit der Figuren und dem Wissen des Zuschauers um die zerstörerische Strahlung. Wobei auch der Zuschauer kaum weiß, wie und wann sie wirkt. Diese Ahnungslosigkeit reicht bis hinauf an die Spitze der Sowjetunion, zum Generalsekretär des Zentralkomitees, Michail Gorbatschow. Der überlässt die Bewältigung der Krise Boris Shcherbina (verkörpert von einem heiser knurrenden Stellan Skarsgård), dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, dessen Name nur in wenigen englischsprachigen Quellen fällt, dessen Rolle in „Chernobyl“ aber dafür umso präsenter ist. Vom anderen großen Protagonisten der Serie, Waleri Legassow (Jared Harris), Wissenschaftler und Leiter des Kurtschatow-Instituts für Atomenergie, muss er sich erst einmal die Funktionsweise eines Kernreaktors erklären lassen. Angesichts der entfesselten Kräfte ist der große Bürokraten-Apparat des Landes machtlos – und genau das darf niemand erfahren. So kämpfen die einen gegen die Strahlung und die anderen gegen die Nachricht von der Katastrophe. Gewinnen kann diesen Kampf natürlich niemand.

          Zwei Tage später, am 28. April, als man in Schweden schon einen Kernenergieunfall in Russland vermutet, meldet die Nachrichtenagentur Tass es habe in Tschernobyl einen „Unfall“ gegeben. In der Serie wird die Sprecherin der Nachrichtensendung „Wremja“ in Form einer offiziellen Mitteilung des Ministerrats bekanntgeben, dass der Reaktor in Tschernobyl beschädigt ist.

          Als Zuschauer wähnt man sich immer wieder in einem Science-Fiction- oder Horrorfilm. Nichts ist greifbar, die Vernichtung wird vom Wind getragen. Legassow, der sein Leben riskiert, als er sich der Deutung der Ereignisse durch die Partei-Oberen widersetzt, erklärt an einer Stelle, die strahlenden Atome feuerten unablässig und über Jahre hinweg Millionen kleiner Patronen ab, die alles durchdringen und schädigen. Der Zuschauer versteht: Das ist die größtmögliche Katastrophe.

          So funktioniert „Chernobyl“ auch heute als Verweis auf das Versagen gesellschaftlicher Technikfolgenabschätzung – in einer Zeit, in der Politik und Gesellschaft erst ansatzweise die mitunter fatalen Folgen absehen, welche die Informations-Vorherrschaft digitaler Kommunikationskonzerne und Plattformen wie Facebook oder Google hat. Auch hier fehlt es an zwingend notwendiger Transparenz.

          Genau an diesem Punkt, im Umgang mit den Fakten der Katastrophe, liegt leider ein Schwachpunkt der Serie. Warum ständig von der Gefahr durch das Uran-Isotop 235-U gesprochen wird, obwohl es vornehmlich die Isotope 137-Cäsium und 131-Iod waren, die für die Kontamination rund um das Kraftwerk verantwortlich waren, erklärt die Serie nicht. Noch unglücklicher ist der Hubschrauberabsturz, den die Serie willkürlich auf den 27. April verlegt, als Hubschrauberbesatzungen versuchen, den offenliegenden Reaktorkern mit einem Gemisch aus Bor und Sand zu bedecken. Tatsächlich aber stammt die belegte Szene, in welcher der Hauptrotor eines russischen Mi-8-Helikopters mit dem Stahlseil eines nahen Krans kollidiert, vom 2. Oktober 1986, als man begann, den Kern mit einem Beton-Sarkophag zu bedecken.

          Zählt das schon zu der Kategorie von Lügen, die Legassow Jahre später in seinem Audio-Testament ansprechen wird und von denen er fürchtet, dass sie einst die Wahrheit ersetzen? Zwei Jahre nach der Katstrophe, am 27. April 1988, nahm sich Legassow das Leben. Preisen muss man die Serie dennoch: für die Nüchternheit des Tons, mit dem sie den Zuschauern die Katastrophe und den totalen Kontrollverlust schildert.

          Chernobyl läuft dienstags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic HD.

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