https://www.faz.net/-gqz-9mwmc

TV-Serie „Chernobyl“ : Die Vernichtung wird vom Wind getragen

Zu einer intensiven Erfahrung wird die Serie auch durch das Ungleichgewicht zwischen der Ahnungslosigkeit der Figuren und dem Wissen des Zuschauers um die zerstörerische Strahlung. Wobei auch der Zuschauer kaum weiß, wie und wann sie wirkt. Diese Ahnungslosigkeit reicht bis hinauf an die Spitze der Sowjetunion, zum Generalsekretär des Zentralkomitees, Michail Gorbatschow. Der überlässt die Bewältigung der Krise Boris Shcherbina (verkörpert von einem heiser knurrenden Stellan Skarsgård), dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, dessen Name nur in wenigen englischsprachigen Quellen fällt, dessen Rolle in „Chernobyl“ aber dafür umso präsenter ist. Vom anderen großen Protagonisten der Serie, Waleri Legassow (Jared Harris), Wissenschaftler und Leiter des Kurtschatow-Instituts für Atomenergie, muss er sich erst einmal die Funktionsweise eines Kernreaktors erklären lassen. Angesichts der entfesselten Kräfte ist der große Bürokraten-Apparat des Landes machtlos – und genau das darf niemand erfahren. So kämpfen die einen gegen die Strahlung und die anderen gegen die Nachricht von der Katastrophe. Gewinnen kann diesen Kampf natürlich niemand.

Zwei Tage später, am 28. April, als man in Schweden schon einen Kernenergieunfall in Russland vermutet, meldet die Nachrichtenagentur Tass es habe in Tschernobyl einen „Unfall“ gegeben. In der Serie wird die Sprecherin der Nachrichtensendung „Wremja“ in Form einer offiziellen Mitteilung des Ministerrats bekanntgeben, dass der Reaktor in Tschernobyl beschädigt ist.

Als Zuschauer wähnt man sich immer wieder in einem Science-Fiction- oder Horrorfilm. Nichts ist greifbar, die Vernichtung wird vom Wind getragen. Legassow, der sein Leben riskiert, als er sich der Deutung der Ereignisse durch die Partei-Oberen widersetzt, erklärt an einer Stelle, die strahlenden Atome feuerten unablässig und über Jahre hinweg Millionen kleiner Patronen ab, die alles durchdringen und schädigen. Der Zuschauer versteht: Das ist die größtmögliche Katastrophe.

So funktioniert „Chernobyl“ auch heute als Verweis auf das Versagen gesellschaftlicher Technikfolgenabschätzung – in einer Zeit, in der Politik und Gesellschaft erst ansatzweise die mitunter fatalen Folgen absehen, welche die Informations-Vorherrschaft digitaler Kommunikationskonzerne und Plattformen wie Facebook oder Google hat. Auch hier fehlt es an zwingend notwendiger Transparenz.

Genau an diesem Punkt, im Umgang mit den Fakten der Katastrophe, liegt leider ein Schwachpunkt der Serie. Warum ständig von der Gefahr durch das Uran-Isotop 235-U gesprochen wird, obwohl es vornehmlich die Isotope 137-Cäsium und 131-Iod waren, die für die Kontamination rund um das Kraftwerk verantwortlich waren, erklärt die Serie nicht. Noch unglücklicher ist der Hubschrauberabsturz, den die Serie willkürlich auf den 27. April verlegt, als Hubschrauberbesatzungen versuchen, den offenliegenden Reaktorkern mit einem Gemisch aus Bor und Sand zu bedecken. Tatsächlich aber stammt die belegte Szene, in welcher der Hauptrotor eines russischen Mi-8-Helikopters mit dem Stahlseil eines nahen Krans kollidiert, vom 2. Oktober 1986, als man begann, den Kern mit einem Beton-Sarkophag zu bedecken.

Zählt das schon zu der Kategorie von Lügen, die Legassow Jahre später in seinem Audio-Testament ansprechen wird und von denen er fürchtet, dass sie einst die Wahrheit ersetzen? Zwei Jahre nach der Katstrophe, am 27. April 1988, nahm sich Legassow das Leben. Preisen muss man die Serie dennoch: für die Nüchternheit des Tons, mit dem sie den Zuschauern die Katastrophe und den totalen Kontrollverlust schildert.

Chernobyl läuft dienstags um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic HD.

Topmeldungen

Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.