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TV-Doku über Frank Zappa : Sehe ich aus, als gehörte ich zum Establishment?

Mehr als nur freigeistiger Satiriker, der ein Problem mit Autoritäten hatte: Frank Zappa. Bild: Gijsbert Hanekroot

Wo andere Journalisten scheiterten, fängt dieser Film erst an: Was wir schon immer über den genialischen Musiker Frank Zappa wissen wollten, die Dokumentation „Eat That Question“ findet es fast heraus.

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          „Haben Sie Angst, dass Sie nach Ihrem Durchbruch zum Establishment gehören?“ Frank Zappa nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette und schaut den Interviewer lange und unergründlich an. Ist er schon genervt? Dann pustet er den Rauch aus, blickt amüsiert durch den grauen Schleier, der langsam nach oben steigt, um sich über seinem wirren Haarschopf zu kräuseln. „Sehe ich aus, als wäre ich Teil des Establishments?“

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Kaum ein Künstler hat jegliche Form eines jeglichen Establishments so sehr gegen sich aufgebracht wie Frank Zappa. Über sein Gesamtwerk ist jedoch erstaunlich wenig bekannt. Denn Zappa war mehr als nur freigeistiger Satiriker, der ein Problem mit Autoritäten hatte. Mehr als nur ein schräg aussehender Hippie, der mit freiem Oberkörper seinen Hit „Bobbie Brown“ zum Besten gab: Zappa war Multi-Instrumentalist, Komponist und musikalisches Ausnahmetalent. In „Eat That Question – Frank Zappa in his own words“ nähert sich Thorsten Schütte der Kunstfigur Frank Zappa, wohl in der Hoffnung, auch den Menschen hinter der exzentrischen Fassade zu erfassen.

          Doch wie greift man einen Künstler, der sich nicht einmal selbst zu greifen scheint? Der mit größter Gelassenheit von „Natursekt“ singt; dessen Werk dadaistische Züge annimmt? Der dann aber wieder in seriösen Talkshows auftritt, seine Lederkluft abstreift, um im Maßanzug über Zensur zu streiten? Schütte entscheidet sich für eine Collage – und arbeitet so analog zu Zappas musikalischem Werk. In anderthalb Stunden trägt Schütte einen bemerkenswerten Fundus an Interview-Material zusammen, das er mit Konzertmitschnitten unterfüttert. Der Film wertet nicht, er zeigt nur, und bietet dem Künstler Zappa postum die Möglichkeit, sich noch einmal vollends zu entfalten.

          Jedes Interview geht schief

          Dabei geht jedes Interview mit Zappa schief. Gnadenlos argumentiert er den Gesprächspartner nieder, lässt andere Meinungen nicht gelten und schaut sein Gegenüber mit einer Mischung aus Verachtung, pädagogisch anmutender Überlegenheit und Größenwahnsinn an, nach dem Motto: Wie kannst du es wagen, mich nicht zu verstehen? Wie kann ein Mensch nur anders denken als Frank Zappa? Da schrumpft jeder Journalist in sich zusammen.

          Auch musikalisch ist Zappa kein Hippie. Auf Tour herrscht strenges Drogenverbot, wer sich nicht daran hält, fliegt. Auf der Bühne dirigiert Zappa seine Musiker, als bildeten sie ein Orchester – und nicht eine Rockband. Die Instrumente werden getrieben, die Musik kreist wie irre um sich selbst, und der mehrstimmige Gesang setzt ein. Schnell kristallisiert sich heraus: Dieses Durcheinander ist einstudiert. Die Bühnenshows sind durchchoreographierte Theaterstücke, das dionysische Moment ist gleichsam geordnet. Und Zappa hat alles in der Hand.

          Von den Medien wird er als musikalischer Mephistopheles verschrien. Ihn kränkt sein Image nicht, doch er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für sein Schaffen: „Man kennt mein Gesicht von Postern. Ich bin berühmt, aber die Leute wissen nicht einmal, was ich mache.“ Zappa weist große Disziplin auf, arbeitet ununterbrochen an neuer Musik, komponiert visionäre Orchesterstücke, die er auf eigene Kosten aufnehmen lässt. Es wird deutlich, wie Filmemacher Schütte ihn sieht: als verkanntes Genie. Als solches tritt Zappa hier in Erscheinung.

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          Auch die Collage des Films folgt einer dezenten Ordnung. Die temporär hervorstechende Ekstase ist bedeutsam, ein Mosaik verschiedener Ausbrüche Frank Zappas. Doch setzt sich die Geschichte in einer sanften Chronologie fort – und endet mit Zappas Tod. Hat man den Menschen hinter der Kunstfigur Zappa hervorblitzen sehen? „Niemand kennt den Menschen Frank Zappa“, sagt er selbst und schaut bedeutungsschwer in die Kamera. „Es gibt keine Situation, die so unnatürlich ist wie ein Fernsehinterview. Ihr kennt mich gar nicht.“

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