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Bodensee-Krimi im ZDF : Schuld und Sühne am See

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Enthält Lisa Weidinger (Bernadette Heerwagen) den Ermittlern Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) und Hannah Zeiler (Nora Waldstätten) wichtige Informationen vor? Bild: ZDF und Patrick Pfeiffer

Ein Mord mit ritueller Bedeutung: In „Die Toten vom Bodensee – Der Stumpengang“ geht es um einen Tabubruch und mittelalterlich finstere Strafvollstreckung. Ein Gruselkrimi der einschläfernden Art.

          Für die Schüler, mit denen Geschichtslehrer Hartl (Michael A. Grimm) nachts im Bregenzerwald historische Verlebendigung betreibt, bleibt der mittelalterliche Lokalbrauch des „Stumpengangs“ überschaubar interessant. Sie langweilen sich, trotz des sympathischen Bemühens des Mannes. Angesagte Erlebnispädagogik hat eben ihre Grenzen. Grusel stellt sich nicht durch gute Absicht und drastische Zwischenschnittsbilder ein, wenn ein Trupp Jugendlicher in sportlicher Funktionskleidung einen schmalen Unterholzweg entlangstolpert, an dessen Rändern pentagrammähnliche Zeichen kaum sichtbar ins Gestein geritzt wurden. Auf ihren Smartphones sehen die Schüler täglich wirkungsvolleren Horror als in den Eingangsszenen von „Die Toten vom Bodensee“, steht zu vermuten. Nur der jungen Manuela Frick (Sophie Stockinger) stockt der Atem. Sie findet an Waldesort und Bestrafungsstelle die buchstäblich aufgehackte Leiche eines Mannes, dem die Hände durch „Stumpen“ aneinandergefesselt sind, Lederkelche, die wie Würfelbecher aussehen und das Opfer bei seinem Spießrutenlauf durchs Gehölz verteidigungsunfähig machen sollen.

          Ausdruck von Schattenjustiz

          Micha Oberländer (Matthias Koeberlin) und seiner österreichischen Kollegin Hannah Zeiler (Nora Waldstätten) sowie dem inzwischen zurückgekehrten Ermittler Komlatschek (Hary Prinz) wird die rituelle Bedeutung des Mordes an einem untreuen Sägewerksbesitzer schnell deutlich: Schuld und Sühne. Der „Stumpengang“ war einst Ausdruck von Schattenjustiz. Ein Delinquent wurde schutzlos durch den Wald zum Seeufer getrieben, Geschädigte verletzten ihn mit einer Art Ninja-Wurfstern. Wer die Tortur überlebte, war frei. Die meisten starben. Der Tote muss also etwas verbrochen haben, das in den Augen des Mörders mittelalterlich finstere, maßlose Strafvollstreckung fordert. Irgendetwas Moralisches, vermutlich. Oder einen Tabubruch.

          Im Heimatmuseum ist der „Stumpen“Artefakt unauffindbar. Also ist der Täter ein Historienkundiger mit Verbindungen zum Museum. Dass diese Schlussfolgerung den Kreis der Verdächtigen nicht sonderlich einschränkt, lernen die Ermittler in der achten Folge der Reihe. Die verlassene Frau des Ermordeten, Lisa Weidinger (Bernadette Heerwagen, kaum zu erkennen unter unvorteilhafter Frisur) trinkt aus Kummer; Sohn Lukas (Béla Gabor Lenz) hasste den Verstorbenen. Aber auch mit der neuen Geliebten stand nicht alles zum Besten. Natascha Schwärzler (Barbara Romaner) hat einen höchst eifersüchtigen Bruder, Meinhardt Hager (Harald Windisch). Rache ist ein Motiv. Es ergeben sich Verbindungen in die Vergangenheit. Fast jeder hatte beruflich im Heimatmuseum zu tun, und auch Lehrer Hartl stand diesen Leuten näher, als er zunächst zugibt.

          Die Eingangssequenz in nächtlicher Schatzsucheoptik (Kamera Matthias Pötsch) ist repräsentativ für den Spielfilm, der sich schwer an der Atmosphäre des Mitreißenden abarbeitet. Die Schauspieler agieren durchweg wenig aufregend. Nichts gegen einen bedächtigen Erzählton, aber dieser mit allzu ruhiger Hand erzählte Fall ist weit von interesselosem Wohlgefallen entfernt.

          Vielleicht liegt es auch an Oberländer und Zeiler, auf deren Katz-und-Maus-Gebaren man bislang immerhin zuverlässig zählen konnte. Matthias Koeberlin war der emotional leicht angegriffene Bauchmensch, ein guter, stets konversationszugewandter Typ, der freilich berufsbedingt zu selten zu Hause war. Inzwischen ist seine Ehe mit Kim (Inez Bjorg Davis) Geschichte, aber er bleibt liebevoller Vater. Nora Waldstätten dagegen fiel die Rolle der karriereverbissenen, überkorrekten Autistin mit schrecklichem Familiengeheimnis zu.

          Er weich, sie starr, er deutscher Schmähbegabter, sie österreichische Preußin, diese verkehrten Nationalklischees des vergangenen Jahrhunderts trugen zum Publikumszuspruch bei. Das Buch von Timo Berndt, der bislang sechs der acht Folgen geschrieben hat, hat nun die freundschaftliche Annäherung auf dem Plan. Man wird sehen. In „Der Stumpengang“ räumen beide gründlich in ihrem Leben auf. Um diese Entwicklung glaubhaft zu machen, bedürfte es aber wohl eines anderen Rahmens als dieses gewollt naturmagischen Mystery-History-Krimi-Formats. Und mehr schauspielerisches Gelingen.

          Die Toten vom Bodensee – Der Stumpengang, 20.15 Uhr im ZDF

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