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Die „taz“ wird 30 : Club der Visionäre

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Es flattert die Fahne im Wind auf dem Dach des Verlagshauses in der Rudi-Dutschke-Straße Bild: dpa

Der Kongress tazt: Zu ihrem dreißigjährigen Jubiläum lud die Berliner „Tageszeitung“ zu einer Veranstaltung mit dem Thema Freiheit und Utopie: Johanna Adorján über Vorträge, Diskussionen und musikalische Einlagen, die dort zu hören waren.

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          Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt berühmtermaßen einmal gesagt. An diesem Wochenende mochten viele seinem Rat jedoch nicht nachkommen, sondern gingen mit ihren Visionen lieber ins Haus der Kulturen der Welt in Berlin, wo die „taz“ zur Feier ihres 30-jährigen Bestehens einen Kongress veranstaltete, in dem über nicht weniger als eine andere Welt nachgedacht werden sollte. „Tu was!“, so das Motto; Untertitel „Freiheit, Utopie“.

          Bei der Eröffnung am Freitag nachmittag kann gleich ein Vorurteil bestätigt werden, das sich hartnäckig über die alternative linke Szene hält: Besonders gute Musik bringt dieses Milieu nicht hervor. Eine Frau macht etwas mit Geige und Stimme, und es klingt, als würde sie ihr Instrument stimmen und dazu das Mikrophon ausprobieren, hätte nur leider eben den Text vergessen.

          Etwas später tauscht sie die Geige gegen eine Art Luftpumpe und singt und bläst nun gleichzeitig, was den Gesamteindruck aber nicht besser macht. Egal. Hat ja auch irgendwie etwas rührendes, diese basisdemokratische Haltung, dass jeder, der ein Instrument halten kann, dies auch öffentlich tun dürfen soll, und dass es sich bei der Frau um eine treue Leserin handelt, wie der Organisator des Festivals erkärt, die eigens aus Konstanz angereist sei, die Begrüßungsreden musikalisch einzurahmen, lässt dem Zynismus Scham weichen. Bis zur nächsten musikalischen Unterbrechung.

          Ein Inseratgruß aus Frankfurt

          Freiheit der Rede

          Zuerst redet Bascha Mika, die Chefredakteurin der „taz“, die einzige Chefredakteurin einer überregionalen Zeitung in ganz Deutschland, was nicht oft genug betont werden kann, weil es so unglaublich ist. Über 300 Zeitungen gibt es in Deutschland, neben Mika werden zwei weitere von Frauen geleitet, diese aber sind regional. Drei von mehr als dreihundert. So viel zum Thema Gleichberechtigung, es ist doch schon viel erreicht.

          Bascha Mika steht auf der Treppe im Restaurant, dessen große Fensterfronten zur Spree hinaus gehen, und liest ihre Rede vom Blatt. Es geht um alte Fragen, auf die neue Antworten gebraucht werden, um eine Krise des Denkens, und das Publikum lacht, als sie etwas gegen die FDP sagt. Die Treppe ist mit einem roten Stoff belegt, bleibt aber sichtbar eine mit rotem Stoff belegte Treppe.

          Dies ändert sich grundlegend, als etwas später Daniel Cohn Bendit ihren Platz einnimmt. Er beginnt mit einem jüdischen Witz, und wie er da steht und beim Sprechen mal leiser, mal lauter wird und immer wieder die Hand zur Faust ballt, aber so kultiviert, als befände sich ein kostbares Ei darin, verwandelt sich der Treppenabsatz auf einmal in eine Kanzel und das Publikum in eine Gemeinde, die gebannt einer Treppenpredigt lauscht.

          Cohn-Bendit in ungebunden freier Rede

          Cohn Bendit kommt auf die mutigen Frauen zu sprechen, die vor wenigen Tagen in Kabul auf die Straße gingen, um gegen das Ehegesetz zu demonstrieren, dann geht es um einen türkisch-kurdischen Film, den er einmal gesehen hat, dann um die neuerdings umstrittene Ingrid Betancourt, dann um die Frage, ob Menschen, die ein KZ überlebt haben, gute Menschen gewesen sein können, dann um Israel, schließlich um die Abstimmung über die Militärintervention in Bosnien.

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