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Bodensee-„Tatort“ : War das wirklich Notwehr?

  • -Aktualisiert am

Am Abzug: Kommissar Matteo Lüthi (Roland Koch) Bild: dpa

Ein wenig erinnert die Entführungsgeschichte im neuen Bodensee-„Tatort“ an den Fall Metzler. Nur werden die mutmaßlichen Täter umgebracht. Unter Verdacht gerät der Kommissar.

          Trübes Wetter am Bodensee. Wie materialisierte Schwermut hängt der Nebel tief über dem Wald und dämpft jeden Laut. Plötzlich schießt ein Auto wie aus dem Nichts und überschlägt sich. Heraus klettert ein Schwerverletzter. Die Kamera (Conny Janssen) geht dicht heran, vergrößert die Wunden, bis es beim Zugucken weh tut, bleibt dem Flüchtenden beim Kriechen, Aufrichten und Hakenschlagen dicht auf den Fersen. Ein Verfolger wird sichtbar. Die Hatz endet mit einem Schuss ins Herz, der Flüchtende ist tot, erlegt wie ein Wild. Der Schütze und Verfolger ist Matteo Lüthi (Roland Koch), der Schweizer Kollege, der Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) schon ein paar Mal grenzüberschreitende Amtshilfe geleistet hat. In Notwehr habe er zurückgeschossen, so Lüthi. Man hat es nicht gesehen noch gehört. Keine andere Waffe weit und breit. Wer täuscht hier wen? Der Polizist die Kollegen? Der Film den Zuschauer?

          Lüthi wird suspendiert. Der Tote ist Beat Schmeisser (Marko Dyrlich), vor Jahren hatte er mutmaßlich einen Dreijährigen entführt und vor der Lösegeldübergabe umgebracht. Lüthi war der Beamte, der den Jungen fand. Nach vier Wochen, vergraben in einer Kiste. Den Verdächtigen hatte der Staatsanwalt da schon laufen lassen, weil der Ermittler diesem Zwang angedroht hatte. Spurlos verschwunden war Schmeisser seitdem. Und stirbt jetzt in den allerersten Minuten des „Tatorts“.

          Eine Art innere Symmetrie der Gerechtigkeit

          Ein wenig erinnert die Handlung von „Winternebel“ an den Fall des ermordeten Frankfurter Bankierssohns – im Zuge der Ermittlung hatte ein Polizist mit Billigung des damaligen stellvertretenden Polizeipräsidenten dem verdächtigen, inzwischen verurteilten Mörder Gewalt angedroht, um den Aufenthaltsort des Opfers zu erfahren. Dieser „Tatort“ nimmt ein solches Vorkommnis als Ausgangssituation. Lüthi, damals einer der leitenden Beamten, wurde von seinen Vorgesetzten zur Ohnmacht verdammt. Hat er jetzt den Jungen, dessen Augen ihn, wie er sagt, noch immer verfolgen, gerächt?

          Nicht Klara Blum oder Kollege Perlmann (Sebastian Bezzel) stehen diesmal im Vordergrund, sondern der Schweizer Ermittler. Eine weitere Schweizer Kollegin, Eva Glocker (Isabelle Barth), leistet in dieser grenzüberschreitenden Kooperation Amtshilfe. Der Fall selbst wird verwickelter, dem ersten Toten folgen ein zweiter und ein neuer Entführungsfall, in dem die Eltern alles tun, um die Polizei herauszuhalten. Eine schlichte Rachephantasie will dieser „Tatort“ (Buch Jochen Greve, Regie Patrick Winczewski) nicht sein. Im Unterschied zu damals wird nun im Team ermittelt. Was dazu führt, dass die Ermittler in Mannschaftsstärke bei einer versuchten Geldübergabe wie ein Cowboytrupp in breitbeiniger Wildwestmanier durch die Innenstadt marschieren.

          Gut beobachtet und in viele sprechende Einzelszenen zu einer Art Psychogramm zerlegt wird die Ehe der Eltern des neuen Entführungsopfers, obwohl hier ein weiteres Mal, wie im „Tatort“ üblich, die Simpelrechnung „Reiches Haus = Eiskalte Beziehungen“ aufgemacht wird. Bauunternehmer Reto Wieler (Benedict Freitag) wurde in der Vergangenheit von seiner Tochter wegen Körperverletzung angezeigt. Seine Frau Martha (Elisabeth Wiederer) leidet an der Kälte in ihrem Betonbunker und ist dennoch unfähig, sich den Polizisten, die der verschwundenen Anna (Annina Euling) mit solider Polizeiarbeit näher kommen, anzuvertrauen. Das neue Opfer, eine mutige Studentin, ist im Gegensatz zu dem kleinen Jungen von damals in der Lage, sich gegen ihren Entführer zu wehren. Ohne auf den Frankfurter Fall direkt Bezug zu nehmen, wird hier eine Art innere Symmetrie der Gerechtigkeit hergestellt. Ohnmacht versus Selbstermächtigung.

          „Winternebel“ ist ein klassischer Krimi. Zur Spannungsökonomie gehört, dass der Zuschauer den Kommissaren immer einen Schritt voraus ist. Im Gegensatz zum letzten Schweizer „Tatort“, der nicht zuletzt durch die Synchronisation verlor, dürfen diesmal die Schweizer Kollegen dankenswerterweise ihr Idiom sprechen. Und die Konstellation Blum und Lüthi funktioniert auch immer besser.

          Tatortsicherung

          Muss man der Polizei melden, wenn das eigene Kind entführt wurde? Diese und andere Fragen zum Tatort beantworten Experten am Sonntag von 21.45 Uhr an unter faz.net/tatortsicherung. Parallel zur Ausstrahlung veröffentlichen wir die Fragen zum Miträtseln auf dem Twitter-Account @FAZ_Feuilleton.

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