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Deutsche Welle auf Arabisch : Es muss zur Sache gehen

  • -Aktualisiert am

Im Gespräch: Moderator Jafaar Abdul Karim (Mitte) mit seinen Gästen, dem CDU-Politiker Burkard Dregger und dem Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss. Bild: Deutsche Welle

Jung, kontrovers, streitlustig: Seit vier Jahren sendet die Deutsche Welle ihren „Shabab-Talk“ in die arabische Welt. Nun sucht die Show ihr Publikum auch in Deutschland. Zum Beispiel in einer Berliner Moschee.

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          Die Techniker der Deutschen Welle tragen Plastiktüten über den Schuhen, als sie durch den Hauptraum der Dar-Assalam-Moschee in Berlin-Neukölln eilen. Normalerweise zieht man seine Schuhe aus, bevor man eine Moschee betritt. Aber in Socken auf Leitern zu klettern und Scheinwerfer zu montieren, ist ohne Arbeitsschuhe dann doch zu gefährlich. Deshalb wird hier pragmatische Toleranz geübt. Das Fernsehteam baut Monitore im Eiltempo auf, positioniert Kameras, verlegt Kabel. Hilfskräfte sitzen an einem ovalen Tisch und müssen als Lichtdoubles herhalten.

          Mitten im organisierten Chaos steht Jaafar Abdul Karim. Der Aufwand, die Neuköllner Moschee innerhalb weniger Stunden in ein Studio zu verwandeln, wird vor allem für ihn betrieben. Denn „Shabab-Talk“, die arabischsprachige Talksendung der Deutschen Welle, ist seine Show, und in der arabischen Welt ist er dank ihr längst eine Berühmtheit. Als Redakteur und Moderator achtet der Vierunddreißigjährige, der im Libanon und in der Schweiz aufgewachsen ist, auf jedes Detail. Mit ihm zu arbeiten sei eine positive Herausforderung, sagen viele seiner Kollegen. Abdul Karim macht sich noch rasch ein paar Notizen, bevor es losgeht. Er scheint wie elektrisiert.

          Zur Sprache kommt, was die Jugend bewegt

          Seit vier Jahren produziert die Deutsche Welle „Shabab-Talk“. In einer Moschee aufgezeichnet wird sie an diesem Tag zum ersten Mal, sonst moderiert Abdul Karim im Studio. Mit der Sendung will die Deutsche Welle vor allem die junge Generation erreichen. Deshalb auch der Name: „Shabab“ bedeutet Jugend. Aber es geht keineswegs nur um Jugendkultur, wenn Abdul Karim mit seinen Gästen diskutiert. Meinungsfreiheit, Homosexualität, die politische Lage der arabischen Welt - zur Sprache kommt, was in den arabischen Medien oft nicht aufgegriffen werden darf. Stoff holen sich Jaafar Abdul Karim und seine Mitarbeiter oft auch aus den sozialen Medien. „Wir wollen über Themen sprechen, die laut, kontrovers oder tabu sind“, sagt der Moderator. Diese Haltung kommt an - allein in Ägypten sehen wöchentlich rund vier Millionen Zuschauer Abdul Karims Sendung.

          Eine Stunde vor Beginn der Aufzeichnung strömen schon die ersten Gäste durch die geöffnete Tür. Viele von ihnen kommen aus Neukölln, viele von ihnen sind Muslime, jedoch bei weitem nicht alle. Unvermittelt beginnt auf der umlaufenden Empore ein älterer Mann auf Arabisch zu singen. Es ist der Ruf zum Gebet. Ein Teil des Publikum steigt auf die Empore, der andere Teil macht es sich auf den Sitzen rund um den Gesprächstisch bequem.

          Vorbesprechung: Moderator Jafaar Abdul Karim (vorne knieend) stimmt seine Gäste auf die Sendung ein.

          Vieles ist ein bisschen anders bei dieser Talkshow als bei den Gesprächsrunden anderer Sender. Im Team, das rund fünfzig Köpfe zählt, wird Arabisch, Deutsch, Englisch und Berlinerisch gesprochen. Dass der „Shabab-Talk“ etwas Besonderes ist, sagen alle. Die Deutsche Welle lässt den Verantwortlichen bei ihren Entscheidungen viele Freiheiten. Ausprobieren, was möglich ist, lautet die Devise - zum Beispiel, mit der Show in eine Moschee zu gehen.

          „Noch nie in Socken moderiert“

          „Ich habe noch nie in Socken moderiert“, sagt Abdul Karim und grinst. Auch für den Sender ist die Aufzeichnung eine Zäsur. Den von der Politik geforderten „Integrationskanal“ für Flüchtlinge in Deutschland richtete die Deutsche Welle, die eigentlich ein Auslandssender ist, ein. Die Neuköllner Folge des „Shabab-Talks“ gehört zu den ersten Sendungen von DW Arabia, die auch in Westeuropa im Fernsehen zu sehen sein werden. Eine Kooperation mit dem Satellitenbetreiber SES und eine deutliche Etaterhöhung für das Jahr 2016 machen es möglich. Jaafar Abdul Karim weiß um die Bedeutung seiner Sendung. Ihr kommt eine Schlüsselrolle zu. Einerseits prägt sie das Bild Deutschlands in der arabischen Welt, andererseits kann sie auch als Sprachrohr für Muslime in Deutschland dienen.

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