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Video aus dem Unglückszug : Authentizität ist kein Argument

  • -Aktualisiert am

Sind Bilder aus dem Inneren des Unglückszugs eine sinnvolle Ergänzung der Berichterstattung? Am Dienstag sind zwei Nahverkehrszüge in der Nähe von Bad Aibling kollidiert. Bild: Reuters

Auch wenn sich die „Tagesschau“ – anders als die BBC – zurückhaltend aus einem Smartphone-Video aus dem Unglückszug von Bad Aibling bedient hat: Ihre Zuschauer kritisieren die Bilder als unnötig. Ein gutes Zeichen.

          Zehn Sekunden dauerte die Videosequenz aus dem Inneren eines der bei Bad Aibling verunglückten Züge, mit der die „Tagesschau“ am Dienstagabend auf Sendung ging. Der Handyfilm zeigte in verwackelten Bildern einen Waggon, dessen Wände aufgerissen und den Blick ins Dunkel draußen freizugeben schienen, alles war aus der Achse gerückt, ein paar hastige Eindrücke der Verwüstung. Kein Mensch war zu sehen, kein Ton vom Aufnahmeort zu hören, stattdessen informierte ein Sprecher, bevor es mit Hubschrauber-Bildern von der Unfallstelle weiterging, aus dem Off: „Kurz nach dem Zusammenprall am Morgen: Aufnahmen eines Passagiers aus einem der beiden Meridian-Züge. Er ist offensichtlich unverletzt und stellt diese Bilder ins Netz.“

          Für diese zehn Sekunden, in denen im Grunde nichts zu sehen war, musste die „Tagesschau“-Redaktion viel Kritik von ihren Zuschauern einstecken. In der Kommentarspalte des Sendungs-Blogs schrieben sie, wie falsch sie fanden, dass diese Bilder gezeigt wurden: Ihr Informationsgehalt tendiere gegen null, sie bedienten Sensationsgier und seien nur dem moralisch fragwürdigen Impuls eines Menschen zu verdanken, der angesichts eines Unfalls mit Toten und Verletzten die Kamera seines Handys einschaltet und filmt. Der Chefredakteur der „Tagesschau“, Kai Gniffke, wirkte in seiner Rechtfertigung so unentschlossen, wie es wohl auch die Redaktion war angesichts der Frage: Zeigen oder nicht? „Mein erster Impuls war ,Geht gar nicht‘“, schreibt Gniffke in dem Blog. Doch dann habe man klären können, dass das Youtube-Video echt sei, und entschieden, einen Teil herauszulösen, in dem keine Verletzten zu sehen sind. Den Ton habe man weggelassen, um nicht Schreie und Hilferufe zu dokumentieren, „aus Respekt vor den Opfern“. Das Video sei ein „authentischer Blick auf das Unglücksgeschehen“, und die „Tagesschau“ habe es verantwortungsbewusst eingesetzt, um ihre Berichterstattung zu ergänzen.

          Damit zeigte die ARD mehr Zurückhaltung als die BBC. Die britischen Kollegen bedienten sich deutlich ausführlicher aus den insgesamt sechs Minuten Material und ließen den Augenzeugen selbst kommentieren („überall Blut“). Doch ganz gleich, wer den Film wie verwendete, er leitet Menschen zum Original im Netz. Also: zeigen oder nicht? Die „Tagesschau“ hat das Video mit so viel Zurückhaltung verwendet, dass von Sensationsgier keine Rede sein kann. Doch brauchte es die Aufnahmen in den Nachrichten, die als Dokument doch nur die Informationen transportierten: Es gibt da ein Video, es sah wahrscheinlich übel aus in den Zügen, es gibt Leute, die im ersten Schock so etwas filmen? Es wäre auch ohne gegangen. Dass aber Zuschauer auf die Allgegenwart der Handykameras, die noch die furchtbarsten und privatesten Momente anderer und ihrer selbst im Bild festhalten, auf dass sie jedermann online sehen könne, mit Abwehr reagieren, ist eine gute Nachricht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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