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Strategie der Internetriesen : Überwacht, gesteuert und verkauft

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Das Schwarmverhalten von Tieren haben wir durch Überwachung entschlüsselt. Werden nun aber wir selbst zu Versuchstieren des Überwachungskapitalismus? Bild: Reinhard Dirscherl

Zuerst ging es Google, Facebook & Co. um möglichst viele Daten, um unser Verhalten vorherzusagen. Jetzt sind sie dabei, uns direkt zu steuern. Das Internet der Dinge arbeitet für sie. Ein Gastbeitrag.

          Man hätte sich keinen passenderen Rahmen vorstellen können für Eric Schmidts Ansichten über die Zukunft des Internets als das Weltwirtschaftsforum, diesen Tummelplatz für Neoliberale – und zunehmend auch Überwachungskapitalisten – im verschneiten Davos. Zwischen seinen ehemaligen Kolleginnen Sheryl Sandberg und Marissa Mayer sitzend, antwortete er dort 2015, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, auf eine diesbezügliche Frage: „Das Internet wird verschwinden. Es wird so viele IP-Adressen geben (...) so viele Geräte, Sensoren, Dinge, die Sie am Körper tragen, Dinge, mit denen Sie interagieren können, Sie werden das noch nicht mal mehr spüren. Sie haben es immer um sich. Stellen Sie sich vor, Sie treten in einen Raum, und der Raum ist dynamisch.“

          Dem Publikum verschlug es den Atem, Googles ehemaliger CEO prophezeit das bevorstehende Aus des Internets. Dabei hatte Schmidt genau genommen nur einen gefeierten Artikel der amerikanischen Informatikerlegende Mark Weiser, „The Computer for the 21st Century“, paraphrasiert, der seit nunmehr fast dreißig Jahren dem Silicon Valley als Referenztext dient. Weiser stellte damals etwas vor, was er als „ubiquitäres Computing“ bezeichnete: „Die einschneidendsten Technologien sind die, die verschwinden. Sie verquicken sich mit dem Gewebe unseres Alltags, bis sie von diesem nicht mehr zu unterscheiden sind.“ Er schilderte einen neuen Ansatz, „der es Computern ermöglicht, im Hintergrund zu verschwinden (...) Maschinen, die sich in die Umgebung des Menschen einfügen, anstatt den Menschen zum Eintritt in die ihre zu nötigen“. Die virtuelle Realität, schrieb Weiser, „simuliert“ die Welt eher, als „die bestehende Welt sichtbar zu verbessern“. Im Gegensatz dazu werde das ubiquitäre Computing die reale Welt mit seinem rundum vernetzten Apparat lautloser, „ruhiger“ und gefräßiger Rechner überziehen.

          Der Vorhersageimperativ

          Schmidt sprach also nicht vom Ende des Internets an sich, sondern von dessen erfolgreicher Entkoppelung von speziellen Geräten wie PC oder Smartphone. Für Überwachungskapitalisten, die ihre Profite mit der datengestützten Vorhersage menschlichen Verhaltens machen, ist dieser Übergang eine ausgemachte Sache. Satte Profite haben zu massivem Wettbewerb um die Einkünfte aus den Märkten für künftiges Verhalten geführt. Selbst der ausgeklügeltste Prozess für die Umwandlung von abgeschöpften Daten in zuverlässige Vorhersageprodukte ist nur so gut wie der Rohstoff, mit dem man ihn füttert. Überwachungskapitalisten müssen sich deshalb fragen: Welche Arten von Überschuss ermöglichen die Herstellung besonders zuverlässiger Vorhersageprodukte? Diese Frage markiert einen kritischen Wendepunkt. In ihm kristallisiert sich ein ökonomischer Imperativ heraus: der Vorhersageimperativ.

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