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Spanische Presse : Die Wahrheit der Regionen

Arbeit im Industriegebiet des Geistes: die Zeitungsredaktion von El Norte de Castilla in Valladolid Bild: El Norte de Castilla

Während die Hauptstadtmedien Leser verlieren, hält sich die spanische Regionalpresse viel besser, darunter auch die älteste Zeitung des Landes. Wie ist das zu erklären?

          4 Min.

          Der berühmteste Radiojournalist Spaniens ist müde geworden. Das heißt nicht, er wäre nicht immer noch mitreißend. Wenn Iñaki Gabilondo, 79 Jahre alt, aber ziemlich gut in Form, auf einem Podium steht wie jetzt beim I. Internationalen Miguel-Delibes-Kongress über Journalismus in Valladolid, spürt man die Begeisterung für seine Profession. Ein halbes Jahrhundert Radio, Fernsehen und Print. Die bekannteste Stimme des Landes. „Der größte Feind der Meinungsfreiheit“, sagt Gabilondo, „ist die Arbeitslosigkeit“, und die Studenten im Saal des Delibes-Auditoriums denken sich das ihre dazu. Aber jetzt, sagt er, sei er müde. Das Internet hat ihn geschafft: die sozialen Medien, das Tempo, in dem Informationen um die Welt schießen. Die Freiheit leide darunter und der Spaß am Journalismus natürlich auch. „Wir sind Söhne der Demokratie“, sagt Gabilondo gegen Ende seiner Rede. „Und zur selben Zeit Väter der Demokratie!“

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Gabilondos Rede setzte den Ton für zwei dicht gepackte Tage Diskussionen und Vorträge. (Full disclosure: Der Autor saß mit Kollegen aus China und Argentinien auch auf einem Podium.) In einer brillanten Performance erklärte Emilio García-Ruiz, Chefredakteur des San Francisco Chronicle, die Mechanismen der Täuschung im Zeitalter digitaler Manipulation und erinnerte daran, was Journalisten jetzt zu verteidigen hätten: dass Fakten nachprüfbar sein müssten. Dass Recherche und Dokumentation unentbehrlich seien. Dass Bericht und Kommentar getrennt gehören. Und dass man sich nicht im Krieg befinde, nur bei der Arbeit.

          Freiheit, Unabhängigkeit und Qualität

          Doch den größeren Teil der Tagung bestritten Redner, die den wichtigen Regionalzeitungen Spaniens angehören, und hier ging es um Freiheit, Unabhängigkeit, Qualitätssicherung – und einen Medienmarkt, dessen Merkmale eine eigene Geschichte Spaniens erzählen. Zum Beispiel El Norte de Castilla, der Mitveranstalter der Tagung. Das Blatt mit dem poetischen Namen und Redaktionssitz in Valladolid ist mit dem Gründungsdatum 1854 die älteste Zeitung Spaniens. Eine weitere Eigenart: Immer wieder wurden Schriftsteller zu Chefredakteuren, darunter der hoch dekorierte Romanautor Miguel Delibes (1958 bis 1963), der Essayist José Jiménez Lozano (1980 bis 1995) und der Dichter Carlos Aganzo (2009 bis 2018). Von Delibes heißt es, er habe in der Franco-Zeit jeden Samstag antreten und einem Offiziellen des Regimes Bericht erstatten müssen. Dennoch gelang es ihm, auch kritische Artikel ins Blatt zu bringen, bis er nach fünf Jahren abgesetzt wurde. „Der Journalismus, wie wir ihn verstehen, ist viel mehr, als Nachrichten zu schaufeln“, sagt der ehemalige Chefredakteur Carlos Aganzo, der die Tagung zusammen mit der Miguel-Delibes-Stiftung auf die Beine gestellt hat. „Wir wollen Bewertung und Einordnung liefern, und die Kultur spielt dabei seit jeher eine Hauptrolle.“

          Es war im Jahre 1941, als der junge De­libes sich mit einem Packen Arbeitsproben unter dem Arm bei El Norte de Castilla vorstellte, um einen Job als Karikaturist zu ergattern. Das Ende des Bürgerkriegs lag erst zwei Jahre zurück, und Spanien war in seiner Entwicklung durch Zerstörungen und Massenexil um Jahrzehnte zurückgeworfen. Schon bald darauf wandte Delibes sich endgültig dem Schreiben zu. Wenn es ein intellektuelles Wappentier Kastiliens gibt, dann diesen langjährigen Redakteur und Chefredakteur, den Autor von Romanen, Essays und Reisebüchern, der mit knorriger Ernsthaftigkeit und aufrechtem Gang die Mentalität Kastiliens verkörpert.

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