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Spanische Presse : Die Wahrheit der Regionen

Das Großraumredaktionsbüro von El Norte de Castilla.
Das Großraumredaktionsbüro von El Norte de Castilla. : Bild: El Norte de Castilla

„Prensa nacional“ sagen sie hier, wenn sie überregionale Medien meinen. Aber seit dem Krisenjahr 2008, der geplatzten Immobilienblase und hoher Arbeitslosigkeit kann von nationaler Presse kaum noch die Rede sein. Die wahren Leitmedien sind Regionalzeitungen, deren Namen man im Ausland kaum kennt, weil sie in der Provinz agieren. In allen Landesteilen Spaniens außer in Madrid und Barcelona sind Zeitungen mit regionaler Verankerung die Platzhirsche und prägen die öffentliche Meinung mit bis zu achtzig Prozent Marktanteil. So dominiert El Norte de Castilla mit erdrückendem Übergewicht in der Stadt Valladolid, El Diario Vasco in San Sebastián, El Correo in Bilbao und La Gaceta in Salamanca.

Die Auflagen der einst Großen sind geschrumpft

„Die Präsenz der ‚überregional‘ genannten Medien in einem Großteil Spaniens ist minimal“, erklärt Goyo Ezama, der Geschäftsführer von El Norte de Castilla, im Gespräch mit der F.A.Z. In anderen Ländern gebe es Konzentration von Pressemacht, in Spanien das Gegenteil: Die Vocento-Gruppe zum Beispiel, die zehn Regionalzeitungen versammelt, darunter die oben genannten, bezieht ihre Stärke gerade aus den regionalen Besonderheiten jedes Blattes, und ein halbes Dutzend davon ist mehr als hundert Jahre alt. Jedes digitale Abo kostet im Monat 6,95 Euro. Ezama sagt: „Unser Leitspruch heißt: Von der Tradition zur Innovation.“ Gemeint ist der Übergang vom Papier zum digitalen Format, der in den Regionen schmerzfreier verläuft als in der Hauptstadt. El País, ehemals mit mehr als 400.000 verkauften Exemplaren der Leitstern der Presse, bringt es laut Zahlen vom August nur noch auf 73.000 Stück, während La Vanguardia aus Barcelona mit 53.000 Zweiter ist. Danach folgt mit La Voz de Galicia (49.000 Exemplare) schon eine Regionalzeitung, während frühere Madrider Größen wie El Mundo und das konservativ-monarchische Blatt ABC fast nur noch im Netz existieren.

„Wir machen die Zeitung für den Nachbarn“, sagt Chefredakteur Xosé Luís Vilela, der seit 40 Jahren bei dem Blatt arbeitet, das in Spaniens Nordwesten die Vormachtstellung behauptet. Vor fast 20 Jahren, um den Jahrestag des verheerenden Öltankerunglücks der Prestige vor Galiciens Küste, empfing Vilela den Autor dieser Zeilen um Mitternacht in der Redaktion und nahm sich Zeit für ein langes Gespräch. Um uns herum: viele übernächtigte Leute. La Voz erwies sich beim Thema Prestige als das kritischste, genaueste Medium des Landes, ein Gegengewicht zur Vertuschungsstrategie der Regionalregierung. Das digitale Monatsabo kostet 4,99 Euro.

Diese Bindung an Ort, Region und Leute bedeutet, dass ideologische Ausrichtung weniger zählt als Verlässlichkeit der Information. Darin liegt ein konservatives Element im Wortsinn: Bewahren des Vertrauten, den technologischen Umwälzungen zum Trotz. Entsprechend geringer sind die politischen Verwerfungen in den mittelgroßen Städten. „Wir müssen unsere Sache über einen längeren Zeitraum schon sehr schlecht machen“, sagt Goyo Ezama von El Norte de Castilla, „damit uns die Leser davonlaufen.“ Zwei Journalistenschulen in Valladolid sind der Beweis, dass sich junge Menschen auch heute noch für den Beruf interessieren.

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