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TV-Serie „Victoria“ : Es war einmal eine Königin

Gekröntes Haupt: Jenna Coleman spielt Königin Victoria. Bild: Sky

Der Abosender Sky zeigt zu Weihnachten eine Schmachtserie über die Monarchin, die 64 Jahre auf dem britischen Thron saß. In „Victoria“ ist das Empire noch in Ordnung.

          Als der ägyptische König Faruk 1952 vom Thron geputscht wurde, sagte er voraus, dass es bald nur noch fünf Könige geben werde: die vier im Kartenspiel und den König von England. Falsch gedacht. 44 Monarchien zählt die Weltgemeinschaft 2016, wobei die britische Königin Elisabeth II. als Oberhaupt von sechzehn Commonwealth-Staaten tatsächlich den Löwenanteil dieser stattlichen Zahl beisteuert.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber das ist alles nichts gegen die Heerschar britischer Royals, die in jüngerer Zeit in Film und Fernsehen zur Audienz gebeten haben. Eine kleine Auswahl: Helen Mirren war „The Queen“, Colin Firth George VI. in „The King’s Speech“, Naomi Watts „Diana“; Cate Blanchett spielte Elisabeth I., Jonathan Rhys Meyers in den „Tudors“ Heinrich VIII.; die Serie „The Royals“ zog ihren Gegenstand durch den Kakao, „A Royal Night out“ schickte Elisabeth II. auf Abwege, und in „Young Victoria“ durfte Emily Blunt einen deutschen Prinzen anschmachten. Und dann trumpfte Netflix mit seiner Hundert-Millionen-Dollar-Serie „The Crown“ mit Claire Foy als junger Elisabeth II. auf.

          Zu Weihnachten auf den Thron

          Gegen diese Streaming-Zehnteiler gewordene Staatskarosse, glänzend konstruiert, besetzt und in Szene gesetzt, muss die nächste Jungmonarchin auf dem Weg zur Krönung erst einmal ankommen, und „Victoria“ wird es schwer haben. In Großbritannien hatte die ITV-Serie vor der Netflix-Konkurrenz ihren Auftritt und stach immerhin regelmäßig „Poldark“ bei der BBC aus. Bei uns kommt sie bei Sky zu Weihnachten auf den Thron, wenn dem Publikum traditionell gerne Märchenprinzessinnen präsentiert werden.

          Jenna Coleman verkörpert in der von Daisy Goodwin geschriebenen Serie Victoria als beinahe noch kindliche Monarchin, die auch mit achtzehn Jahren dann und wann ihre Lieblingspuppe hervorholt und ganz unter der Kontrolle John Conroys (Paul Rhys) steht, der auch ihre verwitwete Mutter (Catherine Flemming) beherrscht. Sollte der König, Victorias kinderloser, kränkelnder Onkel, sterben, so der Plan der beiden Erziehungsberechtigten, wollen sie die Regentschaft an sich ziehen.

          „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen?“ Tom Hughes als Prinz Albert, Jenna Coleman als Königin Victoria.

          Es kommt anders. William IV. sinkt ins Grab, seine Nichte steht auf und weigert sich, das Szepter aus der Hand zu geben. Nicht als Last (wie ihre Nachfolgerin in „The Crown“), sondern als Befreiung zur Souveränität empfindet sie die im Vergleich zu ihrem zierlichen Gesicht riesig wirkende Imperial State Crown auf dem Kopf. Der Premierminister Lord Melbourne (Rufus Sewell) – hier ein charmanter, warmherziger Liberaler, an den sie fast ihr Herz verliert (tauchte nicht irgendwann dieser Cousin aus Deutschland auf), hilft ihr dabei, übelwollende Hofschranzen beiseitezuschieben.

          Eine Rattenplage erschüttert ihre Nerven

          Aber dann muss Melbourne – wegen eines Streits im Parlament um die Sklavenbefreiung in Jamaika – einem anderen Premier Platz machen, Victoria, störrisch wie ein aufmüpfiger Teenager, weigert sich, Hofdamen auszutauschen, die Leute rufen „Mrs. Melbourne“ auf der Straße, und eine Rattenplage im Buckingham-Palast erschüttert ihre Nerven bis an den Rand der Hysterie. Die Geier, allen voran ihr Onkel aus Hannover, wittern ihre Chance, die Königin abzusägen.

          So weit, so einigermaßen an die Historie angelehnt – wobei der böse Oheim in der Realität lieber in sein kleines Königreich zog, statt in London darauf zu lauern, dass seine Nichte überschnappt. Aber dann hätte er nicht so kameratauglich intrigieren können. Erstaunlich ist vielmehr, wie zäh sich die Handlung voranschleppt. Als endlich, endlich der zukünftige Gemahl Albert auf der Bildfläche erscheint, von Tom Hughes als zur Schulmeisterei neigender romantischer Pedant gezeichnet, wird es nicht besser, im Gegenteil, mag der Chor auch noch so eindringlich „Gloriana, Halleluja“ intonieren.

          Die liebe unerträgliche Familie: Margaret Clunie als Duchess Harriet Sutherland und David Oakes als Prince Ernest.

          Das Beste, was man über „Victoria“ sagen kann, ist, dass die Charaktere in diesem Melodram – bis auf den Sympathieträger Melbourne – erfrischend unangenehm wirken. Die Königin ist zwar bildhübsch, aber eine kapriziöse kleine Gans, ihre Familie unerträglich und die Hofhaltung korrupt. Das wäre interessant, würden die Figuren nicht wie Pappkameraden in einer sprunghaften und redundanten Handlung durch opulente Kulissen geschoben und müssten hölzerne Texte deklamieren. Das wirkt unglaubwürdig und leblos wie die Computeranimationen von London anno 1837. Man hätte gut daran getan, diese wegzulassen – oder das Geld, das verschossen wurde, um Jenna Colemans braune Augen mittels Kontaktlinsen und Digitaltechnik technicolorblau zu färben, in die Stadtansichten zu stecken. Oder besser noch in ein intelligenteres Drehbuch.

          Was bleibt? Ein prachtvoller Bilderbogen der Kostümgeschichte, der die magere Behauptungsgeschichte einer unterschätzten Frau einkleidet, und anstrengungslos konsumierbarer Historienkitsch. „The Crown“ geht als Telenovela der Frage nach, was monarchische Repräsentation im Zeitalter massenmedial präsenter Celebrities wohl sein mag, wo die Person zur Rolle wird, und was das mit Menschen macht. „Victoria“ schaut einer nicht besonders charismatischen Hauptdarstellerin zu. Eine zweite Staffel ist – wie auch für Elisabeth II. bei Netflix – gleichwohl schon angekündigt. Lang leben die Königinnen.

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