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„Sesamstraße“ wird 50 : Wer, wie, was?

  • -Aktualisiert am

Das Alter kann ihnen nichts anhaben: Ernie und Bert Bild: dpa

Die „Sesamstraße“ wird 50. Sie ist eine unumstrittene Größe des Kinderfernsehens. Das war nicht immer so. Wir sprechen mit den Machern.

          3 Min.

          Tausend tolle Sachen gab es (fast) 3000-mal zu sehen. So oder so ähnlich könnte morgen das fünfzigste Jubiläum der „Sesamstraße“ beim Norddeutschen Rundfunk zu altbekannten Melodien besungen werden. Beinahe hätte die Kindersendung zum Jahrestag ihrer Erstausstrahlung die Dreitausendermarke geknackt: Mit bisher 2931 produzierten Episoden fallen die Jubiläen nur knapp nicht zusammen. Der Festlaune tut dies keinen Abbruch, die ARD wartet neben einer Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Fernsehgeschichte mit einem „Tagesthemen special“ auf – moderiert von Caren Miosga, aber eben auch von Elmo, Wolle, Pferd und dem Krümelmonster.

          Bei so viel Enthusiasmus gerät schnell in Vergessenheit, dass in der frühen Ge­schichte der „Sesamstraße“ nicht alles reibungslos verlief. War die Kindersendung vom 8. Januar 1973 an zunächst in der synchronisierten amerikanischen Originalfassung zu sehen, bot insbesondere die Darstellung der rauen Straße in New York Anlass zur Diskussion.

          Der Bayerische Rundfunk entzog sich gleich zu Beginn und produzierte mit „Das feuerrote Spielmobil“ eine eigene Sendung. Auch der NDR reagierte schließlich auf zahlreiche Beschwerden von Eltern und begann, keine fünf Jahre nach der Erstausstrahlung, eigene Episoden zu produzieren, inklusive Setting-Wechsel und neuen Figuren. Von der Straße ging es ins Haus und für die Publikumslieblinge Big Bird und Oscar übernahmen der gutmütige Bär Samson und die sammelwütige Tiffy.

          Kinder sollen „schlauer, stärker und sozial kompetenter“ aufwachsen können

          Stefan Kastenmüller, Chef des Sesame Workshop Europe, sieht in solchen Modifikationen großes Potential: „Wir passen unseren Cast an die Sendegebiete an, um regionale Themen aufzugreifen und ge­sellschaftlich relevanten Gruppen eine Stimme zu geben.“ Sesame Workshop, damals noch unter dem Namen Children’s Television Workshop, entwickelte die „Se­samstraße“ Ende der 1960er-Jahre zu­nächst für das amerikanische Fernsehen. Die internationale Resonanz ließ nicht lang auf sich warten. Was sich die amerikanischen Produzenten zur Aufgabe ma­chen, nämlich „Kindern zu helfen, schlauer, stärker und sozial kompetenter aufzuwachsen“, kommt so gut an, dass die „Sesamstraße“ inzwischen in mehr als 150 Ländern gesendet und dort zum Teil eigens produziert wird – wie hierzulande vom NDR.

          Das ist aber keine Einbahnstraße. Aus dem in Hamburg produzierten Be­stand seien beispielsweise Clips mit den Publikumslieblingen Ernie und Bert über Landesgrenzen hinaus schwer gefragt, sagt der NDR-Programmchef Frank Beckmann: „Die Märchen und Experimente der beiden werden in der ganzen Welt ausgestrahlt.“

          So fing es 1969 an: Die Besetzung der amerikanischen Original-„Sesamstraße“: der große Vogel Bibo (Carroll Spinney, l.), Kinder und Erwachsene: Herr Huber (Will Lee, mit Brille), Gordon (Matt Robinson), Bob (Bob McGrath) und Susan (Loretta Long). Oskar aus der Mülltonne und Ernie und Bert. Bilderstrecke
          Die „Sesamstraße“ wird 50 : Die „Sesamstraße“ wird 50

          Gemeinschaft und Toleranz

          Im Kern gehe es in der „Sesamstraße“ vor allem um Gemeinschaft und Toleranz. Darum, dass anders zu sein oder auszusehen kein Hindernis ist, denn an diesem fiktiven Ort leben, so Beckmann, „Monster und Menschen mit allen Fell- und Hautfarben seit fünfzig Jahren zusammen“. Es gab Zeiten, da ging es außerdem um Routine. So hatte die „Sesamstraße“ zu Beginn ihrer Ausstrahlung neben dem mor­gendlichen einen weiteren Sendeplatz am Vorabend. Das war für eine Kindersendung revolutionär und dazu angetan, zum abendlichen Ritual zu werden. Abends tönt es jedoch schon lange nicht mehr vorm Bildschirm „wer, wie, was“ oder „wieso, weshalb, warum“. Gravierend ist das für die „Sesamstraße“ nicht. Die Digitalisierung schlägt nämlich in der Welt der Kinderunterhaltung durch, wie Kastenmüller bestätigt: „Mehr als die Hälfte der Zuschauer wird über die Mediathek von ARD und KiKa sowie Youtube erreicht. Tendenz steigend.“

          Weder der NDR noch der Sesame Workshop sehen darin eine Bedrohung, die „Se­samstraße“ ging schon immer mit der Zeit, spiegelt den Zeitgeist und prägt ihn mit. Für Eltern sei die Digitalisierung des An­gebots ein Gewinn, meint Frank Beckmann. Ungeduldige dürfte es gefreut haben, dass ein Großteil des Geburtstagsprogramms seit dem Jahreswechsel in der ARD-Mediathek steht. Wenn nun der 50. Geburtstag und die 3000. Folge knapp nicht zusammenfallen, sind sich Tradition und Fortschritt nah, oder, wie es Beckmanns Lieblingsfigur Grobi sagen könnte: Am Sonntag feiert die „Sesamstraße“ Nostalgie, ohne das Hier und Heute aus den Augen zu verlieren.

          Am Sonntag zeigt die ARD ab 7.20 Uhr ein Geburtstagsspecial der Sesamstraße, eine Episode läuft auf dem Kika um 17.25 Uhr. Bereits in der ARD-Mediathek einsehbar ist eine Zeitreise mit prominenter Besetzung in fünf Episoden.

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