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Serie „Wild Bill“ bei ZDF neo : Bitte erstechen Sie mich von vorne

Die Beine hochlegen kann er eigentlich nicht: Rob Lowe als Polizeichef. Bild: ZDF und Matt Frost

In „Wild Bill“ wird ein Amerikaner Polizeichef im östlichen England. Das bedeutet Dauerregen und schlechte Laune für alle. Doch die war im Polizeirevier von Boston, Lincolnshire auch schon vorher mies. Das merkt man der Serie an.

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          „Wir kehren zum Ursprung zurück“, erzählt Bill Hixon (Rob Lowe) seiner Tochter Kelsey (Aloreia Spencer), um ihr weiszumachen, sein Dienstantritt in Boston geschehe freiwillig. Eben noch in Florida, jetzt in Boston. Aber nicht in Boston, Massachusetts, sondern in Boston, Lincolnshire, im Osten Englands, einem heruntergekommenen Kaff mit hoher Zustimmung zum Brexit, hoher Mordrate und einer demotivierten Polizei. Wie es dort zugeht, erfährt Hixon, der nun Chief Constable ist, schon vor seiner Antrittsrede. Da kann er zusehen, wie einer seiner künftigen Mitarbeiter eine Parodie mit Cowboyhut auf dem Kopf zum Besten gibt, auf den neuen Chef, der gerade erst zur Tür hereinkommt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So kommt doch Stimmung auf – knapp über dem Gefrierpunkt. Hixon sagt zwar, er wolle die Ermittlungsbilanz verbessern und dafür sorgen, dass die Damen und Herren, die ihn missmutig bis feindselig ansehen, ihre Arbeit wieder gern machten, wovon auch die Menschen da draußen etwas hätten. Doch dass daraus etwas wird, daran darf man seine Zweifel haben. Nicht einmal die von Hixon seiner Stellvertreterin, Assistant Chief Constable Lydia Price (Anjli Mohindra), gegenüber geäußerte Bitte wird erhört: „Wenn Sie mich erstechen wollen, dann von vorn.“ Hinterrücks erscheint ein Video im Netz, das „Wild Bill“ zeigt, wie er einen jungen Mann niederschlägt. Hochgeladen wurde die Bildsequenz vom Polizeiserver aus. Dass der Mann, dem Bill einen Kinnhaken verpasst, zuvor intime Bilder von dessen Tochter online verbreitet hatte, spricht sich erst allmählich rum.

          Die Macher der Serie „Wild Bill“ haben alles versammelt, was es für eine ansehnliche Geschichte braucht. Die Grundkonstellation der Fish-out-of-water-Geschichte stimmt, ist allerdings nicht im Ansatz ausgefallen: Bill Hixon hat seine Frau verloren; seine Tochter Kelsey ist neben der Spur, hat ihrem Vater in Sachen Sozialkompetenz aber einiges voraus; auf dem Polizeirevier wirken lauter intrigante Miesepeter; der Chief Commissioner, der Hixon angeheuert hat, ist der Allerübelste, und nur die junge, unterschätzte, leicht übergewichtige Detective-Anwärterin Muriel Yeardsley (Bronwyn James) erkennt, welche Chance sich da – auch für sie – bietet. Es gibt eine Richterin (Rachael Stirling), die dem amerikanischen Rückkehrer mit der gebotenen Überheblichkeit der upper class begegnet – allerdings nur bis zum ersten Date. Und einen großen Gegenspieler gibt es auch – den russischen Paten Oleg Kraznov (Aleksandar Jovanovic), der das organisierte Verbrechen in der Stadt beherrscht.

          Die geschilderten sozialen Verhältnisse entsprechen dem, was die Presse über das reale Boston, Lincolnshire als einer abgerissenen Stadt mit vielen Zuwanderern (aus Osteuropa) berichtet. Die Fälle, die „Wild Bill“ und seiner unwilligen Truppe zu lösen aufgegeben sind, haben einen doch halbwegs ansprechenden Originalitätsgrad, wie wir es von englischen Krimis gewohnt sind. Und doch brachte es die Serie des Senders ITV auf nur eine Staffel mit sechs Folgen, die ZDF neo, wie im Sommerloch bei B-Produktionen üblich, bis spät in die Nacht wegsendet und dann noch im Doppelpack wiederholt.

          Was „Wild Bill“ fehlt, ist, die bei allen Beteiligten vorherrschende miese Laune bei ewig schlechtem Wetter mit ein wenig Humor aufzuhellen. „Wirken die glücklich auf dich?“, fragt Bill Hixon seiner Tochter nach seinem ersten Arbeits- und ihrem ersten Schultag. „Ich glaube, es ist so etwas wie Nationalstolz, sich immer schlecht zu fühlen.“ Dass solcher Stolz bei den Zuschauern keine Begeisterungsstürme hervorruft, muss einen nicht wundern.

          Wild Bill, ab 20.15 Uhr bei ZDF neo

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