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Die Serie „Whitechapel“ bei Arte : Im East End spukt die Historie mächtig

Die „Whitechapel“-Ermittler von links nach rechts: Phil Davis als Detective Sergeant Miles, Rupert Penry-Jones als Detective Inspector Chandler und Steve Pemberton als Buchan Bild: © Carnival Film & Television/La

Die englische Krimi-Serie „Whitechapel“ geht in die dritte Runde. Dabei bleibt sie ihren Stars und ihrem Muster treu, zeigt aber auch erste Anzeichen von Routine und Ermüdung.

          Oberinspektor Joseph Chandler hat sich inzwischen längst eingewöhnt und eingerichtet in Whitechapel, der Außenstelle von Scotland Yard im einst völlig verruchten, mittlerweile aber teilweise gentrifizierten und deshalb im Trend liegenden Londoner East End.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei sollte sich dieser Snob aus der Oberschicht mit seinen Maßanzügen und Migräneanfällen vor fast vier Jahren, als die Serie „Whitechapel“ des britischen Privatsenders ITV probeweise in eine erste Staffel ging, auch nur ein einziges Mal in den Schützengräben der alltäglichen Polizeimaloche bewähren, um danach im Hauptquartier von Westminster eine Schreibtischkarriere anzutreten.

          Gleich die erste Staffel aber, die hierzulande unter dem Titel „Jack the Ripper ist nicht zu fassen“ lief, wurde in Großbritannien ein Quoten- und ein Qualitätserfolg, die zweite Episodenfolge („Das Syndikat der Brüder Kray“) etablierte „Whitechapel“ dann als feste Marke auf dem nicht eben konkurrenzarmen Krimi-Markt der Insel.

          Der Frontdienst wird fortgesetzt

          Für den Chandler-Darsteller Rupert Penry-Jones, einen Zögling der Royal Shakespeare Company, bedeutete der Serienerfolg zugleich die Fortsetzung des Frontdienstes an der Seite seines zutiefst kleinbürgerlichen Kollegen Ray Miles (Phil Davis) und des schwulen Amateur-Kriminologen Edward Buchan (Steve Pemberton), der es nun, in der aus drei Fällen bestehenden neuen Staffel, sogar zu einer Festanstellung im Polizeiarchiv von Whitechapel gebracht hat.

          Hierzulande hat der Kultursender Arte der Serie von Beginn an eine Heimat geboten und ihr inzwischen eine in Sachen Quote zwar überschaubare, in Sachen Qualität jedoch desto anspruchsvollere Gemeinde zugeführt. Sie wird auch dieses Mal passabel bedient. Das Schauspielertrio im Zentrum der neuen Folgen hält das gewohnte Niveau, ohne dem bisherigen Beziehungsballett allerdings noch etwas überraschend Neues hinzuzufügen.

          Auch das bewährte Muster findet sich wieder: „Whitechapel“ reaktiviert nach Jack the Ripper vom Ende des neunzehnten und nach den Gebrüdern Kray aus den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts dieses Mal die sogenannten Ratcliffe-Morde von 1811, die Themse-Torso-Verbrechen zwischen 1887 und 1889 sowie einige Versatzstücke des schaurigen Stummfilmklassikers „London After Midnight“ von 1927.

          Mordwerkzeug Hammer

          Das Reaktivieren erfolgt dabei meist ganz direkt: Die einstigen Schwerstverbecher inspirieren ihre Wiedergänger zu gruseligen Nachfolgetaten in der unmittelbaren Gegenwart. Möglich aber ist auch, lediglich die Dramaturgie vergangener Morde auf den waffentechnisch wie spannungspsychologisch neuesten Stand zu bringen.

          „Neue Morde am Ratcliffe Highway“ ist die erste der neuen Folgen. In der Werkstatt eines Maßschneiders, im Haus einer Durchschnittsfamilie und in einer Wohngemeinschaft geschehen in kurzem Abstand drei Serienmorde. Mordwerkzeug ist immer ein Hammer, Indizien, die auf den oder die Täter schließen lassen, sind trotz modernster Spurensicherung so gut wie nicht vorhanden. Also kann wieder einmal nur Buchans Historie helfen.

          Es liegt auf der Hand, dass derartige Handlungsverläufe ein hohes Maß an Konstruktion benötigen. Diese Arbeit bewältigen die Drehbuchautoren Caroline Ip und Ben Court, die von Anfang an dabei sind, alles in allem sehr ordentlich. Was den neuen Folgen aber durchweg fehlt, sind die spielerische Leichtigkeit und die ästhetische Evidenz der beiden ersten Staffeln. Sie bestachen zumal mit Kamerafahrten durch Whitechapel, Mehrfachbelichtungen, Zeitlupen und artistischen Blickverzerrungen. Die Bilder des jetzigen Kameramannes Kieran Mc Guigan wirken dagegen konventionell. Auch sie zeugen davon, dass die Gefahr des Ungewöhnlichen immer die Routine ist.

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