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Serie „Run the World“ : Dauernd benutzen sie das N-Wort

  • -Aktualisiert am

So regiert man, beziehungsweise Frau, die Welt: die vier Protagonistinnen von „Run The World“. Bild: Starzplay

Man könnte sagen, die Serie „Run the World“ feiert den schwarzen Humor und sucht nach der härtesten Pointe. Wer es nicht glaubt, soll sich die Geschichten vier erfolgreicher Frauen aus Harlem ansehen.

          3 Min.

          Für viele Amerikaner ist der Hügel, von dem Amanda Gorman in ihrem Gedicht „The hill we climb“ gesprochen hat, ein Gebirge mit mehr Schluchten als Gipfeln. Trotz Michelle und Barack Obama, trotz Kamala Harris im Oval Office: Insbesondere für schwarze Frauen ist der Weg nach oben mehr als anstrengend.

          Wer es an die Spitze schafft, darf nicht nur auf sich selbst stolz sein, sondern demonstriert die Möglichkeit des Aufstiegs, gibt „der Community etwas zurück“. Würdigt das Narrativ der Befreiungshistorie, etwa den Kampf der Bürgerrechtlerin Rosa Parks, deren Statue in der New-York-Serie „Run the World“ mehrfach wie zufällig ins Blick rückt. Beiläufige, wichtige Blicke, von denen die sechsteilige Serie viele hat. Blicke, wie der auf das Straßenschild des „Dr. Martin Luther King Boulevard“.

          „Run the World“, sehr ansehnliches Selbstfindungs-Drama und sehr humorvolle Lifestyle-Comedy, spielt in einem Harlem, dass sowohl eigenes Erbe spiegelt, als auch das Viertel ist, in dem bei Touristentouren Weiße noble Brownstone-Immobilien anstarren und Gospel-Gottesdienste besuchen. Als wäre man im „Afroamerican Heritage“-Zoo. Kulturvermittlung als Form von Rassismus.

          Ein Rassismus, den die schwarzen Frauen und Männer in dieser Serie ironisieren – indem sie das allerschlimmste N-Wort benutzen, den Klischees entsprechen und darüber Witze machen, wie es ist, die Klischees als Spielmaterial zu benutzen. Anstrengend, wenn man schon „Role Model“ ist, bevor man „Ich“ sagen kann. Solche Probleme hatten Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen in „Sex and the City“ nicht.

          Selbstfindung, das zeigt diese Serie von Leigh Davenport, kann unter diesen Umständen doppelt so schwierig empfunden werden. Aber auch doppelt so witzig sein. Es ist ein schmaler Grat zwischen Erkenntnis und Provokationen, auf denen „Run the World“ balanciert. Ohne Netz, oft mit dem doppelt löchrigen Boden der Ironie und zugespitzten Dialogen, in denen alles aufs Korn genommen wird, was Kulturkämpfern heilig ist. Freunde macht man sich so nicht zwangsläufig, und auch keine Gefangenen.

          „Run the World“ macht sich zwischen den Stühlen lustig, über nur scheinbar Harmloses, wie bei der kleinen Amari, der Stiefmutter Sondi (Corbin Reid) unbedingt Ballettschläppchen in braunem Hautton andrehen will – dabei ist Rosa nun mal die Lieblingsfarbe der Sechsjährigen. Für sie ist das Maß voll, als die Ballettschulleiterin ihr ein Stipendium für unterprivilegierte Schülerinnen und Ernährungstipps mit zarten Hinweisen auf den „ethnischen Background“ vorlegt und die Notwendigkeit andeutet, ausladenden Kurven vorzubeugen. Was aber, wenn das Kind sich strikt weigert, zum „All Black“ Harlem Ballet zu wechseln? Sondi, brillante Doktorandin im Fach „Afroamerican Studies“, hat es auch sonst nicht leicht, Theorie, Praxis und Widersprüchlichkeiten ihres Forschungsgebiets zu vereinen. Als die Beziehung zu Matthew (Steven Bishop), ihrem Professor, auffliegt, sollen beide relegiert werden. Das Universitätsverhör zum Thema Missbrauch ist freilich nicht halb so peinlich wie der Vorwurf einer Professorenkollegin, Sondi wolle sich bloß hochschlafen, um leichter Karriere zu machen.

          Auch grenzwertige Provokationen gehören zum Programm: Als Whitney (Amber Stevens West), die Zweifel an der Hochzeit mit dem Arzt Ola (Tosin Morohunfola) bekommt, von ihrer Mutter bei der Brautkleidanprobe ins Korsett geschnürt wird, ruft sie panisch „I cannot breathe“. Die letzten Worte George Floyds, als Kalte-Füße-Ausdruck einer künftigen Ehefrau? Einer schwarzen Frau, die nach Luft und mehrere Folgen lang um Worte ringt? Weil sie nicht nur den Mann, sondern augenscheinlich auch ihr fremden nigerianischen Traditionsbombast und Dutzende von Tanten ehelichen soll, die sich in ihr Leben einmischen werden?

          Auch in andere Untiefen springt „Run the World“ mit Anlauf. Nicht zuletzt verpflichtete man Rosie O’Donnell, in der amerikanischen Fernseh-Öffentlichkeit als „Rassistin“ in Ungnade gefallene Persona non grata, als Therapeutin Nora. Es ist die einzige weiße Rolle.

          Nora kommentiert in der letzten Folge, einer einzigen langen Therapiesitzung, das Leben jeder einzelnen Hauptfigur auf bestürzend trockene Weise. Eure Zukunft als Bürde – nicht euer Ernst? Ella (Andrea Bordeaux), Renee (Bresha Webb), Sondi und Whitney haben es doch geschafft, sie sind jung, reich, schön, privilegiert, haben selbstbestimmten Sex, Power und tolle Berufe – und eben einen Haufen Unerledigtes, Aufgegebenes, Nichtselbstverständliches im Lebensgepäck. So what, in Oprahs Namen? Wer Botschaften der schwarzen weiblichen Selbstbestimmung verkörpert, wird zum Sprachrohr. Das kann zwar wichtig sein, geht aber am selbstbestimmten Leben vorbei, findet die Therapeutin. Aus dieser Paradoxie schlägt „Run the World“ Funken.

          Run the World läuft auf Starzplay/Amazon Prime.

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