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Apple-Serie „Physical“ : Lässt sich Wut wegtrainieren?

  • -Aktualisiert am

Sheila (Rose Byrne) lässt sich unterdrücken und hasst sich dafür selbst. Mit Aerobic allein ist dem nicht beizukommen. Bild: Apple TV+/Hilary Gayle

Die Apple-Serie „Physical“ erzählt von einer wütenden Frau: Sie flüchtet sich Anfang der achtziger Jahre vor den faulen Kompromissen einer egozentrischen Männerwelt in die Aerobic-Szene.

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          Es liegt kaum ein Jahrzehnt zwischen den Ereignissen in Dahvi Wallers „Mrs. America“, einer Chronik der amerikanischen Frauenbewegung, und Annie Weismans „Physical“, der Befreiungsgeschichte einer Mutter und Ehefrau mittels Aerobic Anfang der Achtzigerjahre. Es ist ein wenig, als hätte Weisman Wallers Geschichte fortgesponnen, mit mehr Humor, aber statt aus der Perspektive einflussreicher Feministinnen – und ihrer titelgebenden konservativen Nemesis Phyllis Schlafly – aus dem Blickwinkel einer vermeintlich feministisch befreiten Hausfrau und Mutter erzählt. In beiden Stücken spielt Rose Byrne eine tragende Rolle – dort als ultracoole feministische Ikone Gloria Steinem, die zu ihrer eigenen Zerknirschung vor allem wegen ihrer Attraktivität Gehör bekommt; hier als Sheila Rubin, Mutter einer Vierjährigen und Gattin eines selbstverliebten Möchtegern-Linkspolitikers (Rory Scovel), deren Selbsthass sie in die noch junge Aerobic-Bewegung treibt.

          Sheila erscheint bisweilen als Quersumme aus Steinem und Schlafly. Schlafly münzte ihre eigene Unterdrückung in eine politische Karriere der Anbiederung an männliche Rollenvorstellungen um, nur um am Ende erkennen zu müssen, dass ihr auch das keinen Platz am Männertisch verschaffen würde. Sheila ist in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Sie weiß ihre eingeschränkte Macht über ihr eigenes Leben zunächst nicht anders zu sichern, als sich den subtilen Erniedrigungen ihres sich selbst für enorm progressiv haltenden Ehemannes zu fügen und dabei innerlich vor Selbstverachtung fast zu vergehen. Bis sie ein Ventil für den aufgestauten Frust findet.

          Weismans Serie ist von verschiedenen Frauenfiguren bevölkert, die sich selbst und ihre Mitmenschen sabotieren. Da ist die flippige Bunny, die ein Aerobic-Studio führt und ihrem Umfeld mit spitzer Verachtung begegnet – vorsichtshalber. Da ist die joviale Greta, die sich in einen Schutzpanzer aus Speck hüllt. Und dann sind da die Männer: Sheilas Mann Danny, der mit politischen Fantasien jongliert, um seinen Rausschmiss als Uni-Dozent zu kompensieren; Dannys Hippie-Studienfreund Jerry (Geoffrey Arend), der immer noch die alten Lenin-Sprüche klopft, um den Blick auf die eigene Stagnation zu vermeiden; Bunnys Lover Tyler (Lou Taylor Pucci), ein ewiger Kindskopf.

          Das wichtigtuerische Gehabe der Kerle verdeckt nur mühsam ihre Inkompetenz, und wiewohl sie sich für total progressiv halten, fühlen sie sich in ihren überkommenen Rollenbildern pudelwohl. Dass ihre Frauen vor Wut fast platzen, entgeht ihnen. Dabei sind die Risse in Sheilas mühsam beherrschter Fassade nicht schwer zu erkennen. Die Verzweiflung in ihrem Blick, ihre Nervosität, die ständige Alarmbereitschaft. Allein: Es guckt keiner hin.

          Das Äußere und das Innere

          Weisman schrieb in den Staffeln sieben und acht auch für die „Desperate Housewives“. Die Einflüsse sind nicht zu verkennen. Aber diese Serie ist härter, dunkler, aber auch ironischer als Marc Cherrys Saga von der Wisteria Lane. „Wir erforschen hier das Schisma zwischen dem Äußeren und dem Inneren, das so viele Frauen plagt“, sagte Annie Weisman in einem Pressegespräch zur Serie. „Es geht nicht darum, was Frauen im Spiegel sehen, sondern darum, was sie aus der Kultur, von der Familie absorbiert haben.“

          Weismans Serie ist insofern bahnbrechend, als sie ihre Hauptfigur in ihrer ganzen Tragik zeigt, ohne Weichzeichner, schonungslos. Sheila begegnet der aufgestauten Wut mit haltlosen Fress- und Brechattacken. Ihre inneren Monologe sind gehässig, bösartig, bitter, nicht nur sich selbst, sondern auch anderen gegenüber. Männliche TV-Kritiker warfen der Serie vor, dass ihre Heldin „unsympathisch“ sei. Aber Weisman hat hier eine unbequeme, schwierige Frauenrolle geschaffen, die in einer Reihe mit den schwierigen Männern der jüngeren TV-Geschichte steht. Sheila ist kein liebenswertes Opfer, das unter Unterdrückung leidet und nach Befreiung lechzt, sondern eine Frau, auf die die Ansprüche des vergangenen und aktuellen Jahrzehnts zugleich einbrechen, die jede Orientierung zu verlieren droht und sich mit Ach und Krach in ein überraschendes Hobby rettet: Aerobic.

          Für Sheila findet sich hier reine Körperlichkeit, und die zugleich sinnlichen und aggressiven Choreographien geraten zu einer Art Schattentanz ihrer Wut. Sie entwickelt eine neue Muskulatur für ihr Selbstbewusstsein, doch es dauert eine Weile, bis sie sich damit aufrichten kann. Und da liegt das Problem: Es dauert mehrere Episoden zu lang. Denn auch diese Serie erliegt dem Streaming-Fluch der unnötigen Länge, der so viele zeitgenössische Produktionen befällt. Über ganze zehn, wenn auch nur halbstündige, Episoden droht man die Geduld mit Sheilas in großen Schlaufen verlaufender Selbstwerdung zu verlieren, am Ende sogar womöglich das Interesse. Das ist schade.

          Physical läuft von heute an bei AppleTV+.

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