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Serie „Lovecraft Country“ : Dies Land ist nicht ihr Land

Die seltsame Logik der amerikanischen Gesellschaft: Jonathan Majors als Tic und Jurnee Smollett als Letitia in „Lovecraft Country“ . Bild: HBO/Sky

Die HBO-Serie „Lovecraft Country“ zeigt den Horror der amerikanischen Rassentrennung – und löst spektakulär die Dimensionen von Fiktion und Realität auf.

          4 Min.

          Der amerikanische Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft (1890–1937) gehörte zu den Einflussreichsten seines Genres. Und er war ein Rassist. Seine Gesinnung hat er aber nicht nur zwischen den Zeilen versteckt, sondern Poesie daraus gemacht. Eines seiner Gedichte trägt das N-Wort direkt im Titel. Und zwar jenes mit „i“, und es läuft auf die Pointe hinaus, dass die Götter, als sie die Welt erschufen, den Abstand zwischen Mensch und Tier überbrücken wollten, deswegen ein Biest halbmenschlicher Gestalt kreierten und es mit Lastern belebten. Gerade der humoristische Unterton dieses Gedichts aus dem Jahr 1912 macht es so ekelhaft.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Serie „Lovecraft Country“ fügt nun diese beiden Elemente zusammen, hier Motive der Horrorgeschichten Lovecrafts, dort die Ideologie ihres Autors – und reichert das an zu einer Geschichte, in der Zeit, Ort, Raum, Fiktion und Realität fließen und der einzige Anker die rassistische Logik der amerikanische Gesellschaft ist. Wenn hier auch Zombies aus der Erde kriechen, Tote lebendig werden, Menschen ihre Gestalt wandeln: „Lovecraft Country“ zeigt die Vereinigten Staaten der Rassentrennung, um 1953, nach dem Koreakrieg.

          Tic Freeman (Jonathan Majors) kehrt von der Front zurück nach Chicago. Er ist für sein Land in den Krieg gezogen, aber im Bus muss er hinten sitzen, und als der Bus liegen bleibt, muss er laufen, während die weißen Passagiere abgeholt werden. Tic lebt bei seinem Onkel George (Courtney B. Vance), der Reiseführer für amerikanische Schwarze schreibt, damit die wissen, in welche Diner sie unterwegs gehen können, wenn sie durch ihr Land reisen. Denn es ist nicht ihr Land. Es gehört den Weißen, und darüber wachen die Sheriffs, die Nachbarn, die Chefs.

          Tic und sein Onkel und auch seine alte und bald neue Freundin Letitia (Jurnee Smollett) lieben die Geschichten des Rassisten H.P. Lovecraft. („Geschichten sind wie Menschen“, sagt Tic zu seiner schwarzen Sitznachbarin aus dem Bus, „man muss über ihre Mängel hinwegsehen.“ – „Aber die Mängel bleiben ja“, antwortet sie.) Tic hat einen Brief seines Vaters erhalten, mit dem ihn ein schwieriges Verhältnis verbindet, die Mutter ist gestorben. Tic solle ihm nach Ardham in Massachussetts folgen, schreibt der Vater, auf den Spuren seiner Vorfahren – Tic verliest sich erst und liest „Arkham“, so heißt der Ort, in dem viele von Lovecrafts Geschichten spielen.

          Und dieser Verleser setzt eine Dynamik in Gang, die „Lovecraft Country“ trägt. Tic, seine Freundin und sein Onkel brechen auf – und landen in einem Albtraum, der den Albtraum der Segregation und Rechtlosigkeit, in dem sie ohnehin schon leben, kommentiert und verschärft. Folge für Folge prallen Rassenwahn und Phantasmagorien aufeinander.

          Hinter „Lovecraft Country“ steckt Misha Green („Underground“), die auch produziert und das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman von Matt Ruff geschrieben hat; Jordan Peele („Get out“) und der „Star Wars“-Regisseur J.J. Abrams sind ebenfalls an der Produktion beteiligt. Was dabei herauskam, ist spektakulär, angsteinflößend – und überfordernd aus Prinzip. „Lovecraft Country“ verlangt dem Publikum permanente Geistesgegenwart ab, weil es sich nicht nur aus den Motiven der Geschichten Lovecrafts bedient (also Zombies, Monster, Geheimgesellschaften, Gestaltwandler), sondern aus dem Off-Signal aus den letzten hundert Jahren schwarzer amerikanischer Emanzipation einspeist: Songs von Frank Ocean, Reden von James Baldwin, Zeitzeugenaussagen.

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