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Die Serie „Homeland“ bei Sat.1 : Eine Frage des Vertrauens

Immer wieder in Verließen der Angst: Claire Danes spielt in „Homeland“ die CIA-Agentin Carrie Mathison, die jahrelang im Irak im Einsatz war. Bild: Fox

Wer verrät hier wen und mit welchem Ziel? Die vielfach ausgezeichnete Serie „Homeland“ verbindet den Antiterrorkampf mit der genauen Studie von Beziehungsmechanismen.

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          Es ist eine so faszinierende wie in höchstem Maß beunruhigende Vorstellung: Jemand verliert die Kontrolle über sein Gehirn und erhält es, frisch gewaschen und gestärkt, zurück. Geht das? Und hat der, dessen Gehirn einer Wäsche unterworfen wurde, damit etwas zu tun? Wer ist es, der dann denkt und handelt, wer ist schuldfähig mit der neuen Verfassung dieses Hirns, wer verantwortlich, wer Täter oder Opfer?

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das sind Fragen, über die man während der ersten Folgen von „Homeland“ nachdenken könnte, jener Serie, die im Jahr 2011 beim amerikanischen Sender Showtime herauskam, überirdisch erfolgreich bei Publikum, Kritik und Preiskomitees, und deren zweite Staffel im Dezember im amerikanischen Fernsehen zu Ende ging. Gehirnwäsche, fragte man sich, das ist doch ein recht abgestandenes Konzept, eine fixe Idee aus dem Kalten Krieg, als die Angst umging, der Kommunismus könnte sich, wenn schon nicht durch Überzeugungskraft (das war die andere Angst), so eben durch Infiltration des Geistes Macht im eigenen Land verschaffen.

          Der Urtext dieser Paranoia war ein Roman aus dem Jahr 1959, „The Manchurian Candidate“ von Richard Condon, der einige Jahre später von John Frankenheimer verfilmt wurde. Es ging um amerikanische Soldaten, die aus koreanischer Kriegsgefangenschaft gehirngewaschen zurückkehrten (im Remake des Films von Jonathan Demme vor einigen Jahren waren es Kämpfer im Golfkrieg), die von Albträumen geplagt wurden und nicht wussten, was mit ihnen geschehen war und was sie, wenn sie under the influence standen, taten.

          Intimität statt Folter

          In „Homeland“ heißt das, was dort Gehirnwäsche genannt wurde: umgedreht. Ein amerikanischer Kriegsgefangener im Irak, so erfährt die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) von einem ihrer Informanten, soll „umgedreht“ worden sein. Die Frage ist erstens, ob diese Information verlässlich ist, doch da der Informant kurz vor der eigenen Hinrichtung stand und nichts mehr zu verlieren hatte, ist das wahrscheinlich. Die Frage ist zweitens, ob Nicholas Brody (Damian Lewis), ein Marine, der im Irak gefangengenommen, von den Soldaten Saddams an Al Qaida verkauft und nach acht Jahren Gefangenschaft von den Amerikanern befreit wurde, dieser „umgedrehte“ Soldat sein könnte. Woran Carrie glaubt, ansonsten innerhalb der CIA aber niemand. Die Öffentlichkeit feiert den Heimkehrer sowieso als Helden und heftet Orden an seine Uniform.

          Im Lauf der ersten Staffel geschieht dann etwas Eigenartiges (eigenartig jedenfalls, wenn man bedenkt, dass „Homeland“ teilweise von denselben Leuten gemacht wird wie einst „24“ und auch ein ähnliches Themenfeld beackert: die Bedrohung der Vereinigten Staaten durch den internationalen Terrorismus): Das Konzept der gewaltsamen Gehirnwäsche verschwindet. Und wird ersetzt durch etwas, das für die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen untereinander so viel fruchtbarer ist: durch Gespräche, in denen aus Vertrauen Macht erwächst. Nicht durch Folter, sondern durch Intimität. Was im Zusammenhang von Terror und CIA eine noch viel beängstigendere Vorstellung ist, weil die Beziehungen im Augenblick ihres Entstehens bereits zersetzt werden. Wir sehen Glücksmöglichkeiten aufscheinen und sofort wieder verschwinden.

          Eine untypische emotionale Wucht

          Verrat also, wer auch immer ihn an welchem Menschen, welchem Land, welchem Prinzip verübt, ist in dieser Serie eine Frage des Vertrauens. Und was auch immer bis zum Ende der zweiten Staffel an Unwahrscheinlichem in die Handlung eingebaut wird, wie verdreht auch immer an einigen Stellen die Bezüge werden - diese Entscheidung, die Motive der Figuren dort zu finden, wo ihren geschundenen Seelen (und o ja, die Seelen sowohl von Carrie wie von Brody sind sehr geschunden worden) ein Augenblick Ruhe gegönnt wird, gibt „Homeland“ eine emotionale Wucht, die für eine Spionageserie erstaunlich ist. Denn es geht, natürlich auch hier darum, dass ein Anschlag aufs Heimatland Amerika zu verhindern ist.

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