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Serie „For Life“ bei Sky : Mit der Wumme des Fallrechts

  • -Aktualisiert am

Vor Gericht wird aus dem Strafgefangenen ein Verteidiger und Ankläger: Nicholas Pinnock (rechts) als Aaron Wallace. Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

In der Serie „For Life“ nimmt ein in New York unschuldig verurteilter Schwarzer den juristischen Kampf auf. Das klingt nach Symbolik, ist aber vor allem krachendes Männerdrama.

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          Wenn ein „Gangsta“ eines nicht brauchen kann, dann Ambiguität. King ist King und Staub ist Staub. Einspruch lassen deshalb auch nur Weichlinge zu: „You don‘t like the way I do it, nigga, eat a dick“. Letzteres ist eine fast beliebige Textzeile des Rappers 50 Cent, und zwar aus dem Album „Animal Ambition“, das die animalisch-maskuline Jagd auf „Bitches“, „Shit“ und „Dollar“ bereits aus der Siegerposition heraus (und mit allenfalls leiser Ironie) feiert. Curtis Jackson, der sich bis heute 50 Cent nennt, hat mit Kleingeld schließlich längst nichts mehr an der Baseballkappe, sondern gebietet als multimillionenschwerer Wirtschaftsboss über ein kaum überschaubares Imperium.

          In Jacksons Namen werden heute nicht nur Konsumartikel aller Art hergestellt, sondern auch Platten, Bücher und Filme produziert. Vor allem die Drogendealer-Serie „Power“, die nach sechs Staffeln kürzlich zu einem umstrittenen Ende fand, wurde weitum bekannt. Der Rapper selbst spielte darin den Mentor und Rivalen des Helden. Sky zeigt nun Jacksons neusten Streich, das von Hank Steinberg kreierte und von einer ganzen Batterie von Regisseuren auf höchstem Serienniveau realisierte Anwaltsdrama „For Life“. Der kontraststarke Dualismus des Plots ist Hemmnis und Fügung zugleich.

          Dabei wirkt „For Life“ angesichts der Black-Lives-Matter-Bewegung auf den ersten Blick wie die Serie der Stunde. Sie orientiert sich grob an der Biographie von Isaac Wright Jr., der auch als Koproduzent firmiert. In New Jersey 1991 zu Unrecht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, bildete sich Wright im Gefängnis zum Rechtsassistenten fort und arbeitete daran mit, dass die Urteile gegen eine Reihe von Mitgefangenen revidiert werden mussten. Im Jahr 1996 erreichte er sogar die Aufhebung des Urteils gegen sich selbst. Er studierte Jura und wurde Anwalt. Mit sicherem Gespür für eine gute Geschichte haben Jackson und Steinberg diesen Triumph in ein Duell mit dem systemisch diskriminierenden Justizapparat der Vereinigten Staaten verwandelt. Trotz mancher Rückschläge bringt ihr Held, der es mit guten Gründen für eine Zumutung hält, „in Amerika schwarz“ zu sein, die Verhältnisse zum Tanzen.

          Selbst die frappierende Biographie Wrights aber schien noch eine Zuspitzung vertragen zu können. So hat der neun Jahre vor Einsetzen der Handlung wegen eines untergeschobenen Drogendelikts zu lebenslanger Haft verurteilte Aaron Wallace, von Nicholas Pinnock grandios dickköpfig gespielt, sein juristisches Examen qua Online-Studium bereits im Gefängnis erworben. Als Anwalt vertritt er seine Mitgefangenen vor Gericht, wechselt also oft die Gefängniskluft mit einem Anzug und steht regelmäßig den Staatsanwälten gegenüber, die auch ihn hinter Gittern gebracht haben. Mit seiner Unterstützerin Safiya Masri (Indira Varma), der progressiven, vorzeigedemokratischen Leiterin der Strafvollzugsanstalt, bespricht er sein Vorgehen auf Augenhöhe. Sie weiß um die Schieflage im Justiz- und Polizeiwesen, und sie weiß auch, dass Wallace seinen eigenen Fall neu aufrollen will. Im Knastmilieu kann sich der gebildete Protagonist, der anders als die meisten Insassen an das Ideal von Recht und Gesetz glaubt, gut behaupten, bis eines Tages ein mächtiger Rivale aufkreuzt, gespielt selbstverständlich von Curtis Jackson.

          Viel geht es nun um Knastehre, Loyalität, Intrigen und emotionale Wendungen im Gerichtssaal oder Privatleben. Ebenso sehr wie eine Anwaltsserie ist „For Life“ ein Gefängnis-, Ehe- und Rachedrama. Dass die Macher keine Sozialdokumentation im Sinn hatten, zeigt sich schon an der Figurenzurichtung: Die „White Supremacists“, die hinter Gittern das Sagen haben, zumindest bis 50 Cent auftaucht, sind fast schon mitleiderregende, mit Hakenkreuzen zutätowierte Hampelmänner, mit denen man im Notfall auch kooperieren kann. Ein Nebenstrang erzählt die Familiengeschichte von Aarons schwangerer Tochter (Tyla Harris) und seiner Ehefrau (Joy Bryant), die zu ihm hält und sich doch amourös mit seinem besten Freund (Brandon J. Dirdon) einlässt. Allzu starke Frauenrollen sind das nicht.

          Vor allem aber wird bald deutlich, dass nicht alltägliche Diskriminierung zu Wallace‘ Verhaftung geführt hat, sondern ein abgekartetes Spiel, das sich, seit Wallace juristisch zurückfeuert, zur großen Fehde auswächst. Sein Hauptgegner auf Justizseite ist der verschlagene Staatsanwalt Maskins (Boris McGiver), zufällig auch der härteste berufliche Konkurrent von Safiyas Lebensgefährtin (Mary Stuart Masterson). So eindeutig bösartig nun einige der Wärter, Juristen und Clanmitglieder sind, so wohlmeinend und ehrlich sind die strahlenden Helden. Eine Erzählung ohne Ambiguität aber ist: ein Märchen.

          Vielleicht muss man dafür dankbar sein, denn dieses vollfrontal antagonistische Erzählens ist ganz klar eine Stärke von Jackson und Steinberg. Mit Ausnahme der langatmigen Rückblende-Montagen erweist sich „For Life“ als hervorragend gespielte Unterhaltung. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, dass aus der Geschichte von Isaac Wright Jr. eine andere, echtere, tiefer berührende Serie hätte werden können. Diesen Einspruch lasse nur niemand 50 Cent hören.

          For Life läuft montags um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic und ist abrufbar bei Sky Ticket.

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