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Serie „Geister des Flusses“ : Sie reist an die Quelle allen Unheils

  • -Aktualisiert am

Die Polizistin Chloé (Stèphane Caillard) wurde strafversetzt. Sie landet in einem Dschungel, aus dem sie nicht mehr herausfinden kann. Bild: David Bersanetti

Eine französische Arte-Serie beschwört den Voodoo-Kult auf drastische und faszinierende Weise: „Die Geister des Flusses“ erinnert an Coppolas „Apocalypse Now“.

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          Vom Zauber des Anfangs könnte die Neue in der Polizeistation von Cayenne, Hauptstadt des Übersee-Départments Französisch-Guyana nicht weiter entfernt sein, obwohl die Natur um sie herum fast übertrieben geheimnisvoll wirkt. Chloé Bresson (Stéphane Caillard) überfährt mit ihrem Geländewagen auf dem Weg durch den Dschungel in die Stadt ein Lebewesen und muss zur ausbrechenden Kakophonie der Tierstimmen schwitzend den Reifen wechseln. Der Dschungel ist nicht nur grün, nicht still, sondern unbekannt belebt, das deuten schon die ersten Szenen an.

          Vielleicht war das Unfallopfer ein Faultier, ein Ai, eins von jenen verehrten Bindegliedern von menschengemachter Kultur und magisch beschworener Natur, die heimlich von den Nachfahren ehemaliger Sklaven für rituelle Zwecke gezüchtet werden. Eine Warnung, vielleicht harmlos. Noch sieht die junge Frau nur ein Tier in dem toten Körper. Vom wenig begeisterten Dienststellenleiter Koda (Issaka Sawadogo) wird Chloé mit ihrem widerstrebenden Partner Joseph Dialo (Adama Niane) zum heiligen Fluss Maroni geschickt. Ein weißes Ehepaar ist auf seinem Boot ermordet worden, die Leichen hängen auf furchtbare Weise zugerichtet am Mast, zusammengebunden mit einem ausgebluteten Ai. Auf den Körpern der Toten befinden sich eingeritzte Symbole, vielleicht auch Buchstaben, die das Wort „Iskander“ ergeben könnten. Der neunjährige Sohn des Paares, das Schulbücher in den am Fluss liegenden Dörfern verteilte, ist verschwunden. Die Befragung eines Zeugen in Gegenwart des Dorfältesten läuft aus dem Ruder. Chloé, aus Frankreich strafversetzt, nützen ihre Kulturtrainings nichts. Schwimmen lernt man auch nicht aus Handbüchern.

          Vom Dienst suspendiert, gefährlich verletzt und tief verstört

          Hier gelten andere Gesetze als die von der französischen Zentralregierung erlassenen, und von Voodoo steht in ihren Notizen auch nichts. Chloé stößt auf ein wiederkehrendes Symbol mit drei Strichen, das auch ihr Kollege Joseph am Handgelenk trägt. Mit ihm geht sie auf eine Reise ohne unbeschädigte Wiederkehr, sieht magische Praktiken, die ihr besser verborgen geblieben wären, taucht in den Amazonas-Regenwald und die Überlieferungen der Geisterbeschwörungen der Bushinengué-Sklavennachkommen ein, die von niederländischen Kolonialherren einst bis zum Ursprung des Stroms verfolgt wurden.

          Die Reise führt in Bilderwelten des Wahnsinns. Beide werden vom Dienst suspendiert, lebensgefährlich verletzt und tief verstört. Der Weg führt weiter zur Quelle des Maroniflusses – und zu den Wurzeln des Iskander-Kultes, der, so heißt es, Tote zum Leben erwecken kann. Zum Totenreich. Für jede zurückgeholte Seele, sagen die Voodooanhänger, muss eine andere Seele gegeben werden. Dass die gefährlichen Riten auch gewöhnliche brutale Allmachtsphantasten anziehen, wird immer deutlicher.

          „Die Geister des Flusses“ ist eine vierteilige Miniserie von Olivier Abbou (Buch Aurélien Molas), die beginnt wie ein harter Krimi vor exotischer Kulisse, aber zum mystischen Albtraumgeschehen wird. Je tiefer die Geschichte in den Geisterkult eintaucht, je weiter die eigentliche Ermittlung zurücktritt, bei der es um noch mehr verschwundene Kinder geht, desto rauschhafter wird die Bilder- und Geräuscheflut. Es ist eine Darstellungsflut, die die Gewalt und ihre angebeteten Relikte nicht bloß für Oberflächenreize nutzt, sondern als Schlüssel zu verbotenen kulturellen Geheimniskammern anbietet (Kamera Julien Meurice, Szenenbild Serge Fernandez, Sounddesign Clément Tery).

          Der Serie, deren Teile Arte allesamt hintereinander sendet, ist ein Wort aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ vorangestellt: „Es stand geschrieben, ich soll dem Albtraum meiner Wahl treu bleiben.“ Regisseur Abbou verweist auch auf Werner Herzogs „Eroberung des Nutzlosen“, das während der Dreharbeiten an der Grenze zu Brasilien ein Immunzauber gegen das Chaos gewesen sein soll. Für unser meist lau temperiertes Fernsehen ist „Die Geister des Flusses“ von verstörender Brutalität. Nicht umsonst stellt Arte jeder Folge den Hinweis zur Seite, junge oder empfindsame Zuschauer könnten schockiert sein. Schockierend wirkt „Geister des Flusses“ in der Tat, so schockierend und faszinierend, wie eine Reise zu den Wurzeln des Menschlichen nur sein kann.

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