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Amazon-Serie „Der Attaché“ : Die Liebe in den Zeiten des Terrors

Fühlt sich noch bedrohter als in seiner Heimat: Avshalom (Eli Ben David). Bild: Starzplay/Amazon

Ein israelischer Musiker irrt am Abend des von IS-Anhängern verübten Massakers durch Paris: In „Der Attaché“ verarbeitet der Schauspieler Eli Ben David seine eigenen Erfahrungen als Jude im von islamistischem Hass heimgesuchten Frankreich.

          3 Min.

          Einen schlechteren Moment, um nach Paris zu ziehen, hätten der israelische Schauspieler Eli Ben David und seine Familie kaum erwischen können: Die Koffer waren kaum ausgepackt, als islamistische Terroristen ihren tödlichen Hass über der Stadt und ihren Bewohnern ausgossen. Kein Jahr nachdem Fanatiker in der Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und einem jüdischen Supermarkt ein Blutbad angerichtet hatten, schlugen am 13. November 2015 IS-Anhänger als Selbstmordattentäter mit Sprengstoffwesten, Schusswaffen und Handgranaten zu: im Bataclan-Theater, in Cafés, Restaurants, Bars und am Stade de France. 130 Todesopfer forderten die Anschläge und verwandelten die Kapitale, die als Stadt der Lichter und der Liebe Sehnsuchtsort Unzähliger ist, in einen Ort des Grauens und der Angst.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Eli Ben David war seiner Frau wegen mit den Kindern nach Paris gekommen. Sie hatte eine Stelle als Attaché in der israelischen Botschaft angenommen. Nun fühlte er sich von traumatischen Erinnerungen an Angriffe in Israel heimgesucht und lebte als Jude im vom Terror erschütterten Frankreich mit einem noch intensiveren Gefühl der Bedrohung als zuvor. Als wäre das alles nicht genug, nagte an seinem Selbstwertgefühl als Ehemann, Vater und Kreativer, wie schwer er sich ohne Sprachkenntnisse und Job in der Fremde tat.

          So erzählt es Eli Ben David in Interviews, die er gibt, weil er eine produktive Art des Umgangs mit der Krise gefunden hat: Seine Erfahrungen hat er zu einer autobiographisch geprägten Fernsehserie verarbeitet, für die er nicht nur selbst das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat, sondern in der er sich auch eine fiktional überhöhte Version seiner selbst spielt. Sein Alter Ego in „Der Attaché“ heißt Avshalom, ist Musiker und hat einen gemeinsamen Sohn mit seiner Frau Annabelle (Heloïse Godet). Gleich an seinem ersten Abend in Paris kommt es zum Massaker im Bataclan und erlebt Avshalom, was es heißt, als Jude mit marokkanischen Wurzeln, der kein Wort Französisch spricht, in einer von Islamisten angegriffenen Gesellschaft für einen Araber gehalten zu werden. Schwerbewaffnete Polizisten überwältigen ihn und stecken ihn in eine Zelle. Erst Stunden später kann Annabelle ihn abholen. Das Erste, was sie dabei zu ihm sagt, ist: „Du hast ja keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.“ Abgesehen von den Sorgen um den verschwundenen Mann übrigens nicht viel, außer mit dem Sohn von ihrem Personenschützer zu ihren Eltern, wohlsituierten Parisern, gebracht worden zu sein.

          Die seltsame Beziehungsdynamik zwischen Annabelle und Avshalom wirkt einerseits interessant, weil sie gängige Raster durchbricht, andererseits unverständlich und dadurch ermüdend. Den Entschluss, in Paris ihre Karriere voranzutreiben, hat sie ohne ihn gefasst. Er kann nur brav folgen. Dass sein Bandkollege ihn dafür kaltstellt, lässt sie wiederum kalt. Der Versuch, ihm in der Botschaft einen Auftritt zu verschaffen, macht aus dem Gemahl einen Lückenbüßer und geht nach hinten los. So leben und leiden beide, begleitet von Einmischungen der Schwiegereltern, aneinander vorbei. Ein zweites Kind soll trotzdem unbedingt her, obwohl schon das erste, der kleine Uri (Eli Lax), es mit diesen Eltern nicht leicht hat.

          Avshalom sieht Gespenster – und Eli Ben David scheut nicht davor zurück, sie wie leibhaftige Gefährten des Alltags ins Bild zu setzen: den verdächtigen Typen im Kapuzenpullover, den es nicht gibt; ein jüdisches Mädchen, das in Auschwitz starb. Näher am Kitsch ist der wohl von Roberto Benigni inspirierte clowneske Auftritt Avshaloms, der auf einer Parkbank an der Vorschule Uris herumturnt, damit der Sohn nicht traurig ist. Welchen Ton die handwerklich überzeugende und mit stimmungsvollen Bildern aufwartende Serie „Der Attaché“ in ihren zehn Teilen treffen will, wird lange nicht recht deutlich, dafür schwankt die Stimmung zu sehr. Mal sehen wir ein von den Makrodramen nur überschattetes, doch von den Mikrodramen des Alltags bestimmtes Sich-Durchwursteln einer Familie mit komödiantischen Elementen, mal eine katastrophische Kakophonie.

          Wenn Avshalom immer wieder daran scheitert, dass niemand in diesem Land Englisch sprechen will oder kann – weder Lehrer noch Polizisten, noch Cafébesitzer –, ist das so ziemlich der einfachste Running Gag über das Leben als Expat in Paris, den man machen kann. Lustig ist er dennoch und legt eine watteweiche Hülle um alle Härten. Warum ist der einzige Hinweis auf jüdisches Leben in der Schule des Sohns eine Gedenktafel mit den Namen von im Holocaust ermordeten Schülern? Das sei eine Liste jüdischer Kinder, die man hier besonders gerne gehabt habe, lügt Avshalom seinen Sohn an, als der wissen will, was dort zu lesen sei. In solchen Momenten findet „Der Attaché“ beiläufig zu sich selbst.

          Der Attaché, von Montag an auf Starzplay/Amazon.

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