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Die Serie „City on a Hill“ : Böse Männer, die wissen, dass sie böse sind

Die beiden bilden zu Beginn noch nicht wirklich das perfekte Team: FBI-Mann Jackie Rohr (Kevin Bacon, l.) und Staatsanwalt Decourcy Ward (Aldis Hodge). Bild: Showtime

Vom langwierigen Kampf um eine Stadt: In der fordernden Krimiserie „City on a Hill“ spielt Kevin Bacon ein reaktionäres FBI-Scheusal, das sich Aldis Hodge als gerechtigkeitsfanatischer Staatsanwalt erst erobern muss.

          3 Min.

          Als Charakter und Figur ist der FBI-Mann Jackie Rohr – Kevin Bacon scheint hier nicht nur in der Stimme die gesamte ausgehende Whiskyfilterzigarettenkokainkratzbürstigkeit der achtziger und neunziger Jahre zu kanalisieren – eine Zumutung: Laut, selbstverliebt, rücksichtslos, rassistisch, gerissen und mit viel zu sauberen Zähnen für so ein loses Mundwerk, das soviel Teer unterm Schnauzer durchschleusen muss, dass man damit alle baufälligen Straßen Bostons ausbessern könnte.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Über dieses Boston, das die Serie „City on a Hill“ als hart- aber herzliches Sündenbabel des ausgehenden Jahrtausends inszeniert, sagt Rohr: „Was diese Stadt groß gemacht hat, sind böse Männer, die wussten, dass sie böse waren.“ Es klingt wie die Rechtfertigung dafür, dass sich „City on a Hill“ wie viele erfolgreiche Serien zurzeit einer vermeintlich vergangenen Männer-Welt widmet, wobei es hier nicht nur um alte weiße Männer geht. Der Unterschied zur Gegenwart scheint jedoch der von Rohr genannte: Heute sehen sich selbst Menschen mit der finstersten Agenda moralisch im Recht, auch weil sie irgendwann ihre ins Netz ausgelagerten Erzählungen von sich selbst glauben.

          Die Handlung spielt zu einer Zeit, in der sich in Boston ein gewaltiger Umsturz anbahnt – vor der Flucht des irischstämmigen Gangster-Patriarchen James J. „Whitey“ Bulger und dem sogenannten „Boston Miracle“, das auf die sogenannte Polizei-Operation „Ceasefire“ zurückgeht. Diese wurde 1996 ins Leben gerufen, um die Gewalt durch Schusswaffen unter Jugendlichen einzudämmen. Als schriftlich eingeblendeten und in der Realität verankerten Prolog stellt die Serie den Mord von Charles „Chuck“ Stuart voran. Stuart hatte seine schwangere Frau erschossen, der Polizei jedoch gesagt, sie seien von einem Schwarzen angegriffen worden. Sein Bruder offenbarte der Polizei später, dass Stuart seine Frau selbst umgebracht hatte, um an ihre Lebensversicherung zu kommen.

          „Was willst Du? Langfristig?“

          Dieser Fall, so die Prämisse der Serie, habe „alles losgetreten“, was sich hernach ereignen sollte. Gemeint sind vor allem die Spannungen zwischen Schwarz und Weiß. Die beiden Seiten werden in der Serie vom handelnden Personal repräsentiert: Jacky Rohr trifft auf den Bezirksstaatsanwalt Decourcy Ward (Aldis Hodge mit fast hypnotischer Präsenz), der aus der schwarzen Oberschicht von New York stammt und antritt, um dieser Stadt auf dem Hügel ihre „verdammte Maschinerie herauszureißen“. Nachdem Rohr und Ward sich zunächst gewitzt bekriegen und belügen, finden sie über den Ehrgeiz, etwas zu verändern, doch zueinander. „Was willst Du? Langfristig?“

          Diese Frage stellt sich das ungleiche Duo, das Drehbuch verhandelt sie aber auch im Fall derjenigen, die nicht auf der Seite des Gesetzes stehen (auf welcher Seite Rohr steht, ist nicht immer so ganz klar). Die irischstämmigen Brüder Frankie (Jonathan Tucker) und Jimmy Ryan (Mark O’Brien) leben im Wechsel zwischen Familienalltag und Verbrechen. Mal arbeitet Frankie im eigenen Supermarkt, mal überfällt er mit ein paar schweren Jungs und „Waffen aus Nam“ Geldtransporter. Dabei macht ihm nicht nur die Wäsche des Geldes, sondern auch der unberechenbare Heißsporn Jimmy zu schaffen.

          Ben Affleck und Matt Damon haben mit „City on a Hill“ eine Serie produziert, die auch mit ihrem eigentümlichen Tempo und ihrer Machart aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Vieles geschieht mit einer gewissen Beiläufigkeit. Wie ein langsam drehendes Kaleidoskop entwickelt die Regie Szenen einer höchst verschachtelten Erzählung, ohne dass das Geschehen in erkennbaren Höhepunkten oder Zuspitzungen kristallisierte. Selbst wenn es intensiv wird, bauen die Autoren dem handelnden Personal kleine Auszeiten ein. Wenn Frankie entscheiden soll, ob ein Sicherheitsmann erledigt werden soll, weil er das Gesicht eines der Ganoven erkannt hat, geht er auf eine Zigarette nach draußen. Selbst scheinbar Nebensächliches wird mit viel Liebe zum Detail inszeniert, indem die Kamera plötzlich ungewöhnliche Einstellungen wählt und Signatur-Musik dieser Dekade (selbstverständlich von der Rockband „Boston“) dem Zuschauer signalisiert, dass gerade doch etwas von Bedeutung passiert.

          „City on a Hill“ erinnert an Serien aus der Zeit, in der sie spielt: An die „Sopranos“ zumindest, was die Ortsbezogenheit und die Bedeutung angeht, die Nebenfiguren zugemessen wird. Sie macht in ihrer Unaufgeregtheit sehr viel anders als es Serien unter dem aktuellen Konkurrenzdruck tun. Oft geben diese im Kampf um Zuschauer gleich in der ersten Folge Vollgas. Nicht so hier. Der Zuschauer braucht Geduld und muss zuhören. Das ist anstrengend, aber lohnenswert, weil die Serie nicht nur ihre Figuren langsam entwickelt, sondern auch die Beziehung zwischen ihnen. Wo in anderen Fällen Handlungslücken offen mit dem Argument kaschiert werden, dies sei Fernsehen, versucht diese Serie ohne Schnörkel mit viel Liebe zum Handwerk zu beschreiben, warum Menschen tun, was sie tun. Und warum – ganz ohne Faust und Fäuste – Böses entsteht, wenn man Gutes will (und umgekehrt).

          City on a Hill läuft bei Sky Atlantic HD.

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