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Serie „Biohackers“ bei Netflix : Augen auf bei der Erbgutwahl

Auch Nerds machen Party: Ole (Sebastian Jakob Doppelbauer), Mia (Luna Wedler) und Chen-Lu (Jing Xiang). Bild: Netflix

Die Serie „Biohackers“ spielt durch, in welche Abgründe es führt, wenn der Mensch Gott spielt. Und sie zeigt: Netflix hat großes Gefallen an der „German Angst“. Die zieht international.

          3 Min.

          Im Netflix-Paralleluniversum ist Deutschland einfach ein unheimlich abgefahrenes Land. Nach dem Ende des atomaren Mystery-Spektakels „Dark“ machen nun von faustischen Allmachtsgefühlen verstrahlte junge Leute nachts zu angesagten Beats vor fachwerkromantischer Märchenkulisse Party, verlieben oder entlieben sich und arbeiten tagsüber im Labor einer modernen Hexe an Monstern. Oder daran, wie die Freiburger Universitätsprofessorin Tanja Lorenz (Jessica Schwarz) sagt, Gott obsolet zu machen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vom Geschöpf zum Schöpfer lautet die Losung in ihrem Biotech-Institut, das nur so vibriert von einem nah an der Wirklichkeit schwingenden, aber ins Phantastisch-Dystopische verstärkten Weltverbesserungswahn, der nach Herrschaft lechzt. Es ist, als wäre die Erstsemester-Studentin Mia (Luna Wedler) in einer durch biologische Erbinformationen statt durch digital geschürfte Daten zum Rotieren gebrachten Variante von „The Circle“ gelandet, allerdings mit einer eiskalten Chefin à la „Der Teufel trägt Prada“ oder „Bad Banks“ im Zentrum. Statt das eigene Ich einem totalitären Netzgiganten zur Überwachung preiszugeben, sich dem Modezirkus oder skrupellosen Finanz-Demiurgen zu unterwerfen, muss Mia eine DNA-Probe abgeben. Und genau da fangen die Probleme der Medizinstudentin an, denn sie weiß: Versteckt in ihrer Gensequenz liegen Informationen, die Professorin Lorenz um keinen Preis erhalten darf. Es geht um Leben und Tod.

          Mit der Serie „Biohackers“ hat der Streamingdienst Netflix wieder eine deutsche Auftragsarbeit (dieses Mal von Claussen + Putz Filmproduktion) am Start, die sich in – zunächst sechs – temporeichen Folgen wegschaut wie nichts und lustvoll, aber auch humorig damit spielt, dass die German Angst schon ihre Gründe haben könnte. Den Techno-Freaks in teutonischen Think-Tanks ist selbst in der niedlichen Provinz alles zuzutrauen, das zeigt schon ein Rundgang durch Mias WG. Bis auf die auf Party und Paarungen fixierte Lotta (Caro Cult) hausen dort bloß Nerds. Zusammen sind sie eine Art gengedoptes „TKKG“. Im Bad implantiert sich die lustige Person Ole (Sebastian Jakob Doppelbauer), angeleitet von Youtube-Tutorials, allerlei Gimmicks in den Körper und blutet den Boden voll; ein Zimmer weiter züchtet die auf 150 Prozent Sprechgeschwindigkeit laufende Chen-Lu (Jing Xiang) fluoriszierende Pflanzen; Mia wiederum schnippt schon im Einführungspraktikum bei Professorin Lorenz derart gekonnt mit der Genschere Crispr, dass sie subito als Hiwi neben dem Moskitos zu Erbgut-Vektoren umbauenden Jasper (Adrian Julius Tillmann) demselben den Kopf verdreht. Da fragt sich nicht nur Jaspers undurchsichtiger Mitbewohner Niklas (Thomas Prenn), was Mia antreibt, was ihr Geheimnis ist. Und ob an ihr Profil ein grüner Haken gehört oder eher der Warnhinweis „Fake“.

          Um die Spannung hoch zu halten, bedient sich die Serie neben von Fahrradscheinwerfern durchschnittener Dunkelheit des zurzeit ziemlich beliebten Tricks, gleich zu Beginn die finale Katastrophe zu zeigen: Sie sieht aus wie ein apokalyptisches Massensterben in einem Zug. Nach dem Hinweis „zwei Wochen zuvor“ geht es zurück auf Anfang, dahin, wo alle noch bester Sommerlaune sind.

          Christian Ditter und Tim Trachte verstehen es als Regisseure, das Ensemble der Nachwuchsschauspieler so agieren zu lassen, dass alles lässig und leicht wirkt – vor dem Hintergrund einer wachsenden dunklen Bedrohung, für die Professorin Lorenz steht. Im Gehen atemlos mithaltenden Untergebenen Befehle erteilen, im Hörsaal die demagogische Lehrmeisterin geben, die die Ethikkomission fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, ansonsten bei klassischer Musik einsam im bunkerartigen Architektenhaus sitzen: Die Drehbuchautoren (Tanja Bubbel, Nikolaus Schulz-Dornburg, Johanna Thalmann) hätten Jessica Schwarz für ihre Rolle ruhig ein wenig mehr Material liefern können. So bleibt der kühl-elegante Auftritt der Schauspielerin über weite Strecken von einer stählernen Monochromie, die Benno Fürmann mit seinem Gastauftritt weiter unterstreicht.

          „Biohackers“ schlägt in Dialogen Funken aus Crispr- oder Doppel-Felix-Helix-Gags, spielt auf den Bestseller „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari an und sequenziert fiktional munter Eingriffe in das Erbgut des Menschen. Um die dunkelsten Kapitel der deutschen Medizingeschichte macht die Serie lieber einen Bogen. Sie verknüpft den Wissenschaftsskandal mit der alten Geschichte von einem Mädchen zwischen zwei Jungs und klassischen Triebkräften wie Liebe, Trauer, Rache, Eifersucht und der Sehnsucht nach Heilung, für die Erkrankte oder ihre Nächsten alles täten. Auch andere draufgehen lassen. Auch einen Pakt mit Blut unterzeichnen. Bis zur Schlussfolge bleibt unklar, ob Mias Undercover-Mission gegen die skrupellose Professorin erfolgreich sein wird und wer am Ende auf der Strecke bleibt. Die DNA dieser geschickt synthetisierten Serie aber steckt so voller Bausteine, die schon anderswo den Test der Serienevolution bestanden haben, dass „Biohackers“ sicher problemlos in der freien Streaming-Wildbahn wird überleben können.

          Biohackers startet heute bei Netflix.

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